Schnitt – und auf zu neuen Ufern!

von Redaktion

Uhlich, Hauert und Childs zeigen bei der Tanzwerkstatt, dass der zeitgenössische Stil gerade etwas erschlafft ist

Von Malve Gradinger

Was bringe ich beim nächsten Festival? Eine Frage, die vor allem Festival-Leiter im zeitgenössischen Kunstbereich jährlich umtreiben muss. Denn „zeitgenössisch“, auf erster Ebene verstanden als Gegenpol von „klassisch“, heißt auch: unmittelbar am Puls der Zeit. Wie sieht es damit aus bei Münchens Tanzwerkstatt Europa (bis 12. 8.)? Walter Heuns TWE, wenn auch städtisch subventioniert, kann natürlich nicht die Bandbreite von Münchens Dance Biennale bieten. Dennoch lassen sich Verstärkungen schon angesponnener Tendenzen ausmachen.

Beim Freiluft-Auftakt mit Quim Bigas (wir berichteten) stellte man fest: Der zeitgenössische Tanz nimmt immer intensiver Elemente aus Street- und Showdance auf, aus den Martial Arts und Ausdauer-Tänzen wie Tae-bo, Zumba und Flow-Joga. Dass Bigas’ Animations- und Mitmachperformance gerne vom Publikum angenommen wurde, ist zudem ein klares Zeichen für das immer größere „aktive“ gesellschaftliche Interesse an freien tänzerischen Bewegungsformen. Die parallel laufende, prall besuchte TWE-Workshopreihe, nicht minder die boomenden Münchner Tanz- und Fitnessstudios liefern den schlagenden Beweis. Und manch ein Hobbytänzer wäre durchaus fit für die Bühne.

Aber zu kurze Beine, zu dick? Diesen ästhetischen Komplex wackelt die Österreicherin Doris Uhlich, eine schöne Frau, taillenabwärts von barocker Fülle, mit vibrierenden Körperweichteilen einfach weg. Sie nennt es Fett-Tanztechnik. So erlebt bereits zuvor bei TWEs in ihren Ensemble-Stücken „more than naked“ (2013) und „boom bodies“ (2016). Uhlich, Anstifterin einer energisch emanzipatorischen Neuauflage Rudolf von Labans nackt tanzender Monte-Verità-Gemeinde der 1910er-/20er-Jahre, begrüßt man als die fleischbewusste Revolution gegen den Stromlinien-Ballettkörper. Ihr jetzt mitgebrachtes frühes „mehr als genug“ (2009) ist größtenteils lediglich eine mit privatisierendem Austria-Charme servierte telefonische Plauderei mit Bekannten über den (un-)perfekten Körper. Aber wie sie den Persianer abstreift, auf hohen goldenen Stöckeln ihren Körper frontal zum Publikum in spannungshaltender Blöße ausstellt, da überzeugt sie, dass die selbstbewusst akzeptierte naturgegebene Form immer schön sein kann. Allein für diese kurzen Minuten, in denen sie dann mit den statuarischen Posen der frühen Nacktfotografie und sparsamen gesetzten Gesten zu Piafs „Non, rien de rien , non, je ne regrette rien“ ihre Nacktheit in bewegte Szene setzt, lohnte sich die einstündige Hör-Performance.

Und lässt sich auch bei „inaudible“ (unhörbar) des Schweizers Thomas Hauert eine Tendenz ablesen? Ja doch, aber keine fruchttragende. Hauert, längst selbst viel beschäftigter Tanzschöpfer, choreografierte ein buntes Perpetuum mobile. Er und seine fünf Compagnie-Mitglieder zunächst im Hintergrund in Reihe aufgestellt, wagen sich einzeln vor für Soli, dann alle für ein Wimmelbild, und das in dieser Art öfter wiederholt. Hauert kann durchaus im Raum strukturieren, aber sein Vokabular ist ein einziges improvisiertes Gebiege-Gebeuge-Gedrehe von Torso und Extremitäten, kurz: ein auf die Dauer von einer Stunde gestrecktes Improvisationseinerlei. Wäre nicht George Gershwins „Piano Concerto in F“, hier zusammengestückt aus verschiedenen Aufnahmen und gelegentlich (leider) auch elektronisch kurz verfremdet, die Choreografie würde wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Möglich, dass wir uns irren, aber dieses Stück, das zu Beginn und am Ende die Tänzer zu einem völlig unverständlichen klumpigen, in- und übereinander kletternden Haufen zusammenführt, kann einem Choreografen in einem Kreationstief leicht passieren. Wahrscheinlich verrät dieser kontinuierlich „nondescripte“ Tanzstil auch, dass der zeitgenössische Tanz nach jahrelangem Festivalverschleiß, sicher im Überangebot von Bewegungsmöglichkeiten durchhängt.

Die New Yorker Judson- Church-Bewegung hat da in den Sechzigern – bewusst als Erneuerung – einen radikalen Schritt gewagt: weg vom Modern Dance, hin zu völlig neuen, auch nicht-tanzenden Konzepten. Ruth Childs gewährte einen Blick zurück mit der Re-Inszenierung dreier früher Soli ihrer Tante, der Postmodern-Pionierin Lucinda Childs, die wir als die große Meisterin des Minimalismus kennen. Aber Mitte der Sechziger hat sie einfach bunte Röllchen an ihrem Drahtkorb-Hut befestigt und in einer Stretch-Wanne gebadet. Also Schnitt – und auf zu neuen Ufern!

Aufführungen:

heute „Who’s next? – Open Stage“, Muffathalle; 10./11. 8. Moritz Ostruschnak „Next Neck“, Schwere Reiter; Milan Tomásik „Solo 2016“, Muffathalle; 12. 8. Finale Lecture Demonstration, Muffathalle, auch Party; 089/ 54 81 81 81.

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