Sorge an den Seen

Verlernen wir das Schwimmen?

von Redaktion

Von Eva Casper

Starnberg – An manchen Tagen kommen Menschen zu Claus Schramm und seinem Team, um ihr neues Leben zu feiern, und an manchen Tagen ziehen sie eine Leiche aus dem Wasser. Schramm, 31, ist seit knapp elf Jahren bei der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, kurz DLRG. Er hat dort schwimmen gelernt, eine Ausbildung zum Rettungsschwimmer gemacht und wacht über einen der beliebtesten Badeseen der Münchner: den Starnberger See. 57 Quadratkilometer Fläche, 3000 Millionen Kubikmeter Wasser hat der See. 30 Leute hat die DLRG hier.

Früher hätte es hier mehr Ehrenamtliche gegeben, sagt Schramm. Viele könnten es sich nicht mehr leisten, hier zu wohnen. Zum Teil habe er schon Schwierigkeiten, die Wachdienste voll besetzt zu kriegen. Früher bei sonnigen Tagen seien mindestens 15 Freiwillige vor Ort gewesen, heute sind sie oft nur zu viert.

In Deutschland sind im vergangenen Jahr mindestens 537 Menschen ertrunken, die meisten davon in Bayern, meldet die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) – der höchste Stand seit zehn Jahren. Immer wieder landen auch tragische Fälle in den Schlagzeilen: Im Mai ertrank ein 15-jähriges Mädchen, das nicht schwimmen konnte, im Münchner Eisbach.

Immer weniger Kinder könnten sicher schwimmen, heißt es in einem Bericht der DLRG. Als sicherer Schwimmer gilt demnach, wer mindestens das Bronze-Schwimmabzeichen besteht. Um das zu bekommen, muss man 200 Meter in 15 Minuten schwimmen, zwei Meter tief nach einem Gegenstand tauchen und aus einem Meter Höhe ins Becken springen. Zum Vergleich: Für das Seepferdchen muss man nur 25 Meter schwimmen und einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser holen. Im Stehen also sozusagen.

„Viele Kinder kommen gerade so mit Ach und Krach durch die Seepferdchen-Prüfung. Das ist kein sicheres Schwimmen“, sagt Peter Kuhlemann, 49. Er arbeitet seit zehn Jahren ehrenamtlich für die DLRG am Tegernsee und bringt Kindern auch das Schwimmen bei. Als eine Ursache für die mangelnde Schwimmfähigkeit sieht er, dass immer mehr Bäder schließen und der Schwimmunterricht an vielen Schulen häufig ausfällt. Laut DLRG hätten mittlerweile gut 25 Prozent der Grundschulen keinen Zugang zu einem öffentlichen Bad.

Doch können die Deutschen wirklich immer schlechter schwimmen? Das Problem: eine verlässliche, bundesweite Untersuchung gibt es nicht. In ihrer aktuellen Studie berichtet die DLRG, dass 60 Prozent der zehnjährigen Kinder in Deutschland nicht sicher schwimmen können. In der Gesamtbevölkerung läge der Anteil der unsicheren Schwimmer bei fast 50 Prozent. Eine Studie des Robert-Koch-Instituts von 2015 kam wiederum zu dem Schluss, dass 85 Prozent der Kinder zwischen fünf und 17 Jahren schwimmen können. Doch beide Studien beruhen auf Selbsteinschätzungen.

Die häufigsten Todesfälle ereignen sich laut der DLRG-Statistik an unbewachten Binnengewässern, also Seen, Flüssen, Bächen und Teichen, an denen es keine ehrenamtlichen Helfer gibt. 406 der 537 Todesfälle von 2016 ereigneten sich dort. Zum Vergleich: an der Nord- und Ostseeküste ertranken 26 Menschen.

Sollten also mehr Gewässer überwacht werden? „Wir können nicht alles abfangen“, sagt Heinz Effenberger von der Wasserwacht München. „Dazu reichen die Kapazitäten nicht.“ Zwar seien ihre Mitgliederzahlen zuletzt gestiegen, aber das sei auch immer ortsabhängig. In Teilen Frankens beispielsweise habe man Probleme, Personal zu finden. „Wir kämpfen um jedes Mitglied.“ Die Anfragen beim Schwimmunterricht für Kinder könne man kaum noch bedienen, berichtet die Wasserwacht. Im Münchner Speckgürtel müssten manche Eltern ihre Kinder schon ein Jahr vorher anmelden, um einen Platz zu bekommen. Auch die Stadtwerke, die in München Schwimmunterricht anbieten, sehen keinen Spielraum mehr. Die Nachfrage sei in allen Altersgruppen sehr hoch, so ein Sprecher. Man versuche, so viel wie möglich anzubieten, aber das hänge eben auch von den freien Flächen in Schwimmbädern ab.

Es ist ein Teufelskreis: Damit mehr Kinder schwimmen können, müsste es mehr Schwimmbäder und Personal geben. Doch die kosten viel Geld – so viel, dass viele Kommunen es sich nicht leisten können oder wollen. Hinzu kommt der Fachkräftemangel: Nicht nur die ehrenamtlichen Hilfsorganisationen kämpfen um Mitglieder. Bereits im vergangenen Jahr drohte einigen Bädern die Schließung aufgrund fehlenden Personals, sagt Robert Kratzenberg vom bayerischen Landesverband der Schwimmmeister. Neu ist das alles nicht: schon 2007 bemängelte die DLRG die „seit 15 Jahren sich verschärfende Situation“ bei der Bäderschließung. Viel geschehen ist seitdem nicht.

Die Bayern-SPD hat vor Kurzem im Landtag einen Dringlichkeitsantrag gestellt, um die Schwimmfähigkeit zu verbessern. Darin enthalten: mehr Zuschüsse für kommunale Bäder und mehr Geld für die am Wasser tätigen Rettungsorganisationen. Der Antrag wurde von der CSU abgelehnt. Sie hat stattdessen einen Berichtsantrag an die Staatsregierung gestellt, um zu sehen, welche Maßnahmen es schon gibt und wo noch Handlungsbedarf besteht. „Eine reine Verzögerungstaktik“, sagt Paul Wengert, innenpolitischer Sprecher der Bayern-SPD-Landtagsfraktion. Und listet Zahlen der vergangenen zwölf Jahre auf: 63 geschlossene Bäder, 51 droht die Schließung, bei 299 sei eine Sanierung notwendig.

„Es ist nicht die primäre Aufgabe des Staates, Kindern das Schwimmen beizubringen“, verteidigt Thomas Huber, Landtagsabgeordneter der CSU, die Entscheidung. Das sei, ähnlich wie beim Fahrradfahren, eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zwar sei jeder Todesfall durch Ertrinken einer zu viel. „Doch Selbstüberschätzung und Krankheiten sind der Hauptgrund für Ertrinken, nicht unbedingt mangelnde Schwimmfähigkeit“, beruft Huber sich auf den Bericht der DLRG. Tatsächlich führen die Altersgruppen der 16- bis 20-Jährigen und die der über 76-Jährigen die Todesstatistik beim Ertrinken an. Besonders angestiegen ist die Zahl der Todesfälle bei den Flüchtlingen, die oft nicht schwimmen können.

Zurück am Starnberger See. Man wolle jetzt eine Geschichte einer großen Rettung hören, nicht wahr, sagt Claus Schramm. So wie bei der TV-Serie Baywatch: Eine Schwimmerin droht zu ertrinken, ein Retter stürzt sich todesmutig in die Wellen, zieht sie an Land und belebt sie wieder. Die steht auf, bedankt sich. Weiter geht das Leben. Schramm überlegt lange, doch ihm fällt nichts dergleichen ein.

Das mit Baywatch sei ohnehin Blödsinn, sagt er. Wer ertrinkt, hält sich nicht an Drehbücher: Er ruft nicht um Hilfe und fuchtelt nicht mit den Armen. Ab einem bestimmten Punkt verliert der Ertrinkende die Kontrolle über seinen Körper. Er kann gar nicht mehr schreien oder winken. Wer ertrinkt, geht einfach unter – ganz still.

Letzte Frage, was wäre, wenn es sie gar nicht mehr geben würde? Das Holzhaus am See, Boote, Retter? „Dann wäre hier ein großes Loch, das nicht bewacht wird.“

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