Berlin – Die Walnuss öffnet Martin Schulz im Handumdrehen. „Am 24. September ist die Nuss geknackt“, scherzt der Kanzlerkandidat, der gerade einen Nussknacker geschenkt bekommen hat. Für die ganz dicke Bundestagswahl-Nuss sucht der SPD-Chef allerdings noch nach dem passenden Werkzeug. Während die Sozialdemokraten in Niedersachsen in einer Regierungskrise stecken, tourt Schulz durch den Osten der Republik und gibt sich ziemlich unverdrossen.
Dabei ist das Drama in Hannover das Letzte, was er und die SPD gerade brauchen. Als liefe der Wahlkampf der Sozialdemokraten nicht schon holprig genug: Drei verlorene Landtagswahlen. Strategische Fehler im Berliner Willy-Brandt-Haus. Ein Kandidat, der in der öffentlichen Wahrnehmung immer wieder abtaucht und dessen inhaltliche Vorstöße nicht richtig verfangen. Eine Kanzlerin, die sich aus dem Sommerurlaub nicht zu melden braucht, weil Kritik an ihr abperlt wie Sommerregen an der Wanderjacke. Und natürlich Umfragewerte, die fast wieder auf das Vor-Schulz-Niveau gefallen sind. Rund 15 Prozentpunkte Rückstand auf die CDU kann die SPD kaum schönreden.
Oder doch? „Der Wahlkampf beginnt jetzt“, sagt Schulz. Mehr als ein Drittel der Wähler sei unentschieden, viele Deutsche hielten die Wahl für offen. Schulz glaubt an Wechselstimmung: Gerade in der aktuellen Automobilkrise spürten die Menschen, dass das Credo „Uns geht’s doch gut“ Unsinn sei. „Glauben Sie’s mir, ich bin optimistisch. Und vor allem kämpferisch.“ Ist Niedersachsen ein Problem für die SPD? „Gar nicht.“ Das sei ein Problem der Grünen.
Das ist zumindest eine gewagte These. Droht der SPD doch bei der vorgezogenen Wahl am 15. Oktober der Verlust der rot-grünen Regierungsmehrheit.
Ein Gutes könnte die Regierungskrise in Hannover allerdings haben: Die SPD ist so damit beschäftigt, auf die vermeintlich intrigante CDU zu schimpfen und Angriffe abzuwehren, dass keine Zeit für Selbstzerfleischung bleibt. Wenigstens öffentlich steht die Partei geschlossen hinter ihrem Spitzenkandidaten, der weiter Kanzlerkandidat heißt, auch wenn das Rennen gegen Angela Merkel gerade ziemlich aussichtslos wirkt.
Nun also zwei Tage Ostdeutschland, wo die Sozialdemokraten auch wegen der starken Linken Probleme haben. Es ist der vierte und letzte Teil der Sommerreise. Schulz war im Horst-Seehofer-Land Bayern, zu Hause in NRW, in Hamburg nach den G20-Krawallen. „Anerkennung der Lebensleistung der Menschen im Osten“ – damit will die SPD in Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg punkten. Nach Mecklenburg-Vorpommern reist Schulz erst kommende Woche.
Die Termine in Sachsen in einem Ausbildungszentrum, bei Start-ups und bei Roboter-Entwicklern liegen dem Sozialdemokraten: Hier kann er Azubis auf die Schulter klopfen, selbst kurz an der Werkbank stehen („Ich feile an meiner Zukunft“), Zahnräder bewundern, über Bildung sprechen und Ausbildung, über Investitionen, Rente und den eigenen Lebensweg. Teresa Dapp