Ein Kamel mit Reiter in der Wüste, in der Sonne leuchtende Steine, der Sand in der Ferne verschwimmt. Eine Szene fast wie ein Stillleben. Max Seidel erfasst sie 1925 auf einer seiner Reisen mit der Kamera. Seine Bilder machen die Atmosphäre spürbar, die sich vor seinen Augen entfaltet haben muss, und halten darin so oft etwas Rätselhaftes fest. Ist es heiß in dieser Stunde in der Wüste oder reitet der Mann mit Kamel in einer kühleren Abendstunde? Wohin zieht er? Man weiß es nicht.
Max Seidel, geboren 1904 im sächsischen Plaue, hat Zementfacharbeiter gelernt. Einen handfesten, rau scheinenden Beruf, den man so schwer zusammendenken kann mit künstlerischem Feingefühl für Porträts und Szenen, festgehalten mit der Kamera. Vielleicht tut man damit schon dem Beruf unrecht, auf jeden Fall aber Max Seidel.
Mit 20 Jahren reist er mit seinem Freund, dem Maler Alfred Teichmann, über 18 Monate hinweg per Bahn, Schiff und Eselskarre über Athen, Jerusalem, Kairo und Assuan bis in den Sudan. Der Durchbruch hin zu einem anderen Beruf: 1926 startet Seidel seine Karriere als Pressefotograf in Berlin. Fünf Jahrzehnte seines Lebens allerdings verbringt er in Mittenwald, wo er 1993 auch stirbt.
Sein Lebenswerk entsteht in 70 Jahren stetiger und begeisterter Auseinandersetzung mit der Fotografie. Es umfasst rund 100 000 Negative und Abzüge, verpackt in etlichen Kisten. Eine Auswahl zeigt jetzt das Mittenwalder Geigenbaumuseum in einer Sonderausstellung. Ein Schatz, der ohne Seidels Enkelin der Öffentlichkeit verborgen geblieben wäre.
„Auf dem Sterbebett habe ich meinem Opa versprochen: Ich werde mir alle deine Bilder anschauen“, sagt Martina Geissler-Mack. „Wenn ich als Kind die Ferien bei meinen Großeltern in Mittenwald verbracht habe und die Fotos in der Dunkelkammer gesehen habe, konnte ich das nie mit meinem Opa in Verbindung bringen.“ Sie kannte ihn kaum. So gut wie nie erzählte er aus seinem Leben als „rasender Reporter“, sehr „gebildet, aber unnahbar“ sei er gewesen. Doch als sie und ihr Mann Robert Mack sich daran machen, das Versprechen von 1993 einzulösen, wird ihr das Wirken ihres Großvaters bewusst: Max Seidel hat Bedeutendes geleistet, aus künstlerischer und fotohistorischer Sicht – und als Dokumentarist der Zeitgeschichte.
Schon zu Beginn seiner Karriere als Fotograf zeigt sich Max Seidels Begabung für Porträts und eine eigenständige Sichtweise auf die Kunst. In einer Reportage über den Theater- und Filmschauspieler Paul Wegener und dessen Sammlung asiatischer Kunst setzt der Fotograf ihn und die Werke in damals vollkommen neuartiger Weise in Beziehung zueinander. Im Winter 1927/28 fährt Max Seidel mit dem Motorrad auf eine Expedition nach Lappland. Von dort bringt er bemerkenswerte Bildzeugnisse des Lebens der Lappen und der Natur Nordschwedens mit.
Weil ihm Berlin auf Dauer zu „städtisch“ ist, nutzt Max Seidel die Chance und kauft 1929 ein Haus mit Fotoatelier in Diessenhofen in der Schweiz. Dort kümmert sich seine Ehefrau Marianne Seidel weitgehend eigenständig um den Fotoladen – so kann Max Seidel weiterhin Reportagen machen. Innerhalb kürzester Zeit etabliert er sich als einer der führenden Fotoreporter der Schweiz. Rund 200 Reportagen und 40 Titelseiten entstehen. 1936 ist der Fotograf sechs Wochen in Spanien unterwegs, um Material über den gerade ausgebrochenen Bürgerkrieg zu sammeln.
Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, 1939, bekommt Max Seidel als Deutscher keine Aufträge mehr in der Schweiz, darum lässt er sich mit seiner Familie in Mittenwald nieder. Seiner neuen Heimat ringt er genauso hervorragende Aufnahmen ab wie der Wüste, ohne in Voralpen-Kitsch zu verfallen: die Detailarbeit eines Herrgottschnitzers, die Energie von Mittenwaldler Trachtlern.
Von 1952 bis 1962 ist der Burda Verlag sein hauptsächlicher Arbeitgeber, für das „Ufer“ und die Nachfolger-Illustrierte „Bunte“ ist er unterwegs, oftmals auch im europäischen Ausland. Später erscheint Max Seidels erster Bildband im Holle Verlag. Dafür zerlegt der Fotograf die Bilder von Hieronymus Bosch mittels Detailaufnahmen in ihre Bestandteile und verbindet sie durch ein von ihm selbst gestaltetes Layout zu einem neu interpretierten Gesamtwerk. So ermöglicht er dem Betrachter ein tieferes Verständnis der Kunst auf einer rein visuellen Ebene. Es folgen weitere Bände über Pieter Bruegel, den Passionsaltar St. Florian, den Isenheimer Altar und die Schaffensperioden Goyas.
Die Natur, die ihn schon seit Beginn seiner fotografischen Laufbahn begleitet, nimmt Seidel in den 1980er-Jahren intensiv in den Fokus. Seine Konzentration gilt dann dem östlichen Teil des Werdenfelser Landes um Mittenwald, seiner unmittelbaren Umgebung.