Trend zur Eigenarbeit

Heimwerk hat goldenen Boden

von Redaktion

Von Maximilian Heim

München – Im Hintergrund machen Bohrer und Schleifmaschinen mächtig Lärm, aber die Chefin stört das nicht. Veronika Stegmann begrüßt mit festem Handschlag im „Haus der Eigenarbeit“ (HEI), unweit des Münchner Ostbahnhofs. Wer wissen will, warum die Bayern heutzutage wieder heimwerken, warum sie schrauben, sägen und hämmern, als ob es keine industriell gefertigten Produkte mehr gäbe, der muss hierher.

Es ist eine Hobbyhandwerks-Oase für ambitionierte Selbermacher, samt Leih-Schweißgerät, hydraulischer Rohrbiegevorrichtung und Ständerbohrmaschine mit stufenloser Drehzahlverstellung. Die Kurse, die sie hier anbieten, heißen „Schnupperkurs Schweißen“, „Lizenz zum Löten“ oder auch „Dübeln statt Grübeln“. Denn es ist so: Brot selber backen, das ist zwar schön, das macht irgendwie fast jeder. Aber der moderne Mensch will jetzt auch noch auf dem handgepolsterten Sofa sitzen oder der Ehefrau ein frisch getöpfertes Kaffee-Service zum 50. Geburtstag schenken.

Eine Stunde Werkstattnutzung im „Haus der Eigenarbeit“ kostet 6,40 Euro oder auch mal 8,80 Euro, je nach Fachbereich. Es gibt Kurse, Beratung und einen Baustahlschweißer für 45 Cent die Minute. Nur eines will Chefin Veronika Stegmann gleich mal klarstellen: „Den Begriff Heimwerken mögen wir hier nicht“, sagt sie mit einem entschuldigenden Lächeln. „Wir sprechen lieber von Eigenarbeit.“

Eigenarbeit also, weil das nicht so lapidar klingt wie Heimwerken oder Basteln. An diesem Sommerabend bedeutet Eigenarbeit in den HEI-Werkstätten: Ein Mann sägt Holzplatten für einen Schrank. Eine junge Frau arbeitet mit Kopfhörern und wie in Trance an einem Stuhl, der in seine Einzelteile zerlegt vor ihr liegt. Und Adi Kling, 77, baut einen Hasenstall für seine Enkeltochter. Rentner Kling, einst Schlosser und später Stahlbauingenieur, ist Stammgast hier. „Ich lebe in einer Eigentumswohnung“, sagt er. „Deshalb gibt es zu Hause nicht genug Platz für eine vernünftige Werkstatt im Keller.“ Wie ihm geht es besonders in der Stadt vielen Menschen. Gut 1500 verschiedene Besucher hat das HEI im Jahr, sie kommen aus allen Altersklassen und Schichten.

Egal, ob sie hier Tassen töpfern, Schränke zimmern oder Hasenställe bauen: Die Stimmung ist konzentriert, die Bastler sind irgendwie zufrieden. Heimwerken – das ist die Gegenbewegung zu hunderttausendfach gleichen Ikea-Möbeln. Es ist Individualität aus eigener Hand. „Der Mensch braucht eine sinnstiftende Arbeit“, sagt HEI-Leiterin Stegmann, eine promovierte Landschaftsplanerin. Weil sich die klassische Arbeitswelt verändert habe und viele in ihren Büro-Jobs nur bedingt aufgingen, gewinne die Eigenarbeit an Bedeutung. Als positive Ergänzung zur oft schnöden Erwerbsarbeit. Die Statistik gibt Stegmann Recht: Zu den 15 beliebtesten Freizeitbeschäftigungen in Deutschland gehören vier aus der Kategorie Eigenarbeit. Der eigene Garten, Reparaturen im Haushalt, Renovieren und Malen, solche Dinge. Wichtiger als Geld sparen ist dabei Umfragen zufolge: Spaß an der Tätigkeit. „Gerade boomt bei uns vor allem der Bereich Keramik“, erzählt Stegmann. „Also Geschirr, Vasen, Döschen oder ganze Skulpturen.“

Dinge selbst zu erschaffen, darum geht es in diesem etwas versteckt gelegenen Münchner Hinterhof. „Bei einem Schrank, der 150 Euro kostet, muss ganz sicher jemand draufzahlen“, sagt Stegmann. „Das kann schon bei der Herstellung des Rohstoffs sein. Und im Zweifel ist es eine billige Arbeitskraft irgendwo auf der Welt.“

Aber nicht nur das Selbermachen steht auf der Visitenkarte des Hauses. Es gibt auch ein „Repair Café“. Die kaputte Stereoanlage, die abgesplitterte Schrankwand, der abgelöste Einband des Lieblingsbuchs. Und die Frage: Warum soll man sich dem Zeitgeist der Wegwerfgesellschaft beugen und nicht mehr funktionierende Sachen immer gleich austauschen?

Die deutsche Lust am Tüfteln, Bauen und Reparieren ist schließlich nicht umsonst weltbekannt. Fragt man einen US-Amerikaner in Nevada oder Kentucky nach Deutschland, kommt meist in dieser Reihenfolge: Bier, Nazis, Handwerk. Bei Amazon gibt es über 3000 Bücher zum Thema Heimwerken, Medien berichten vom „Trend Selbermachen“ oder noch poetischer von der „neuen Lust am Schweißbrenner“. Die Baumärkte im Land melden einen Milliardenumsatz nach dem anderen.

Und der Bogen reicht noch weiter, mindestens bis zur Nachkriegszeit in den späten 1940er-Jahren. Die Aufgabe damals: ein kaputtes Land wieder aufbauen. Dabei muss nicht jeder Zuschnitt exakt passen. Und schon damals sind Handwerker teuer – und als Folge des Kriegs auch rar.

Lange ist das Selbermachen allerdings vor allem eine Beschäftigung von Männern, abgesehen vielleicht von selbst zubereiteten Marmeladen und eingelegten Speisen. Heute ist das anders. Fragt man Stegmann, wie das als Frau in einer Männerdomäne so ist, lacht sie kurz. Dann sagt sie: „Das war für mich überhaupt kein Thema. Schon vor mir haben zwei Frauen das Haus geleitet. Wir hatten auch schon eine gelernte Schreinerin als Werkstattleiterin. Und auch heute ist unser Team ganz gemischt.“

Dieser Trend zeigt sich auch in den Handwerksberufen, wenngleich langsam. Bundesweit wird inzwischen jede fünfte Meisterprüfung im Handwerk von einer Frau abgelegt, übrigens keineswegs nur im Friseur- oder Mode-Bereich. Zur Einordnung: Vor 25 Jahren war die Quote noch halb so hoch.

Im „Haus der Eigenarbeit“ steht zum Abschluss noch eine kleine Führung durch die verschiedenen Werkstätten an. Auf drei Stockwerken verteilt finden sich: Holz, Metall, Keramik, Schmuck, Papier, Textil. Regelmäßig sind Profi-Handwerker anwesend, die beratend und unterstützend zur Seite stehen. Denn es geht auch um Wissen. Und darum, dass dieses Wissen nicht verloren geht. Schließlich war Eigenarbeit nicht immer angesagt. In der 68er-Generation, in den Städten natürlich viel mehr als auf dem Land, haben viele Menschen das Selbermachen als gestrigen Quatsch abgetan. Auch deshalb lernen heute häufig Enkel von ihren Großeltern.

In Deutschland gibt es Millionen Werkzeugräume und Keller. Der Großteil der Selbermacher arbeitet alleine und zu Hause. Aber auch die offenen Werkstätten werden mehr, inzwischen gibt es bundesweit über 700. Menschen wie Adi Kling schätzen dort neben der guten Ausstattung besonders den Austausch, das Miteinander.

Zum 30-jährigen Jubiläum haben sie im Münchner Osten neulich eine Ausstellung gezeigt. Eigenarbeiten von Kling waren auch zu sehen, selbst gemachte Vasen oder Kerzenständer zum Beispiel. Im zugehörigen Prospekt wird Kling mit dem schönen Satz zitiert: „Ich hab’ einfach Zeit und Muße – und das ist in unserer Zeit verloren gegangen.“

Aber viele Menschen, das ist die gute Nachricht, finden die Zeit und die Muße gerade wieder. Die tausenden bayerischen Heimwerker-Kollegen von Adi Kling und der Hasenstall, der vor ihm steht, sind der beste Beweis dafür.

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