Der Plan von Rudolf Heß war riskant. 1941 ohne Wissen Hitlers nach England fliegen und dort Friedensverhandlungen führen? Das konnte nicht gut gehen, und es ging auch nicht gut. Doch das Horoskop für die Mission war günstig und Heß’ Vertrauen in seinen Astrologen groß. Sein Name: Ernst Schulte Strathaus, eine schillernde Gestalt der nationalsozialistischen Elite.
Heß und sein Sterndeuter lernten sich irgendwann nach 1920 in München kennen, Heß’ Verlobte Ilse Pröhl arbeitete im gleichen Antiquariat wie Schulte Strathaus. Auf den ersten Blick scheinen die beiden sehr verschieden: auf der einen Seite der Kaufmannssohn, der den bedingungslosen Führerkult predigte; auf der anderen Schulte Strathaus, Spross einer westfälischen Bauernfamilie, Bücherfreund und Goethe-Kenner. Doch es gab auch Gemeinsamkeiten, die freiwillige Kriegsteilnahme im Ersten Weltkrieg, wohl auch den Traum von einem neuen, starken Deutschland.
Das Vertrauensverhältnis war jedenfalls stark. In einer Notlage – dem gescheiterten Hitler-Putsch 1923 – wandte sich Heß an seinen Freund, der damals in Irschenhausen bei Icking lebte. Es gibt Hinweise, dass der braune Revoluzzer sich dort nicht nur selbst versteckte, sondern auch die „Blutfahne“, die die Aufrührer dabeihatten. Später sollte die Flagge, quasi als Reliquie, bei Massenaufmärschen eine wichtige Rolle spielen.
In Hitlers Staat machte Heß dann Karriere. Als Stellvertreter des „Führers“ betrachtete er es auch als seine Aufgabe, Bürger vor Übergriffen der Partei zu schützen. Für Heß’ Stab wurde in Pullach der sogenannte „Sonnenwinkel“ angelegt, die spätere Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. Zu diesem Stab gehörte bald auch Schulte Strathaus – Heß ernannte ihn zu seinem Kulturreferenten. Wobei der Privatgelehrte all die Jahre innerlich Distanz zum Hitler-Regime gehalten zu haben scheint: Er war bis dato kein Parteimitglied. Jetzt, 1934, musste er es werden.
Die Art, wie der Neue seine Aufgabe interpretierte, machte ihn bald verdächtig. Zwar besorgte er Kunstwerke für Hitler, zum Beispiel Bilder von dessen Lieblingsmaler Rudolf Alt. Doch er half auch Juden wie dem Schriftsteller Karl Wolfskehl, kämpfte für den Erhalt der Waldorfschulen, verteidigte Parawissenschaften wie Grafologie und Astrologie (die er selbst leidenschaftlich praktizierte). Joseph Goebbels schimpfte: „Er hält nicht die Linie der Partei.“ Doch solange Heß die Hand über ihn hielt, war Schulte Strathaus sicher.
Dann kam der 10. Mai 1941 und der bis heute mysteriöse Englandflug. Fest steht: Das Horoskop trog, die Mission ging schief, Heß geriet in Gefangenschaft. Hitler schäumte und ließ seinen Stellvertreter für verrückt erklären. Auch für seinen Astrologen wurde es ungemütlich: Elf Monate verbüßte er in Einzelhaft, dann kam er ins KZ Sachsenhausen, aus der Partei wurde er ausgeschlossen. Im März 1943 wurde er plötzlich entlassen – vielleicht, weil er mit einer Tochter der von Hitler geschätzten Dichterin Ina Seidel verheiratet war. Die letzten Kriegstage verbrachte er damit, für die ausgebombte Staatsbibliothek Bücher zu besorgen.
Rudolf Heß und Ernst Schulte Strathaus überlebten den Krieg. Während der eine in Nürnberg wegen Verschwörung gegen den Weltfrieden zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, musste sich sein alter Weggefährte wie Millionen andere entnazifizieren lassen. Das Verfahren zog sich in die Länge, der Fall war kompliziert. Im Jahr 1950 wurde es eingestellt, auch, weil der Angeklagte viele Fürsprecher hatte, denen er geholfen hatte. Etwa Hans Ludwig Held, Leiter der Münchner Stadtbibliothek, der zu Protokoll gab: „Den Betr. kenne ich von jeher als Demokraten und habe auch nie etwas anderes von ihm angenommen.“
Schulte Strathaus selbst bekannte sich zum Goetheschen Humanismus und versicherte: „Das mit den Juden und der Kirche ging vollkommen gegen meinen Strich.“ So steht es in der Spruchkammerakte im Staatsarchiv nachzulesen. Die Lektüre ist ein Krimi. Danach widmete sich Schulte Strathaus wieder seinen geliebten Büchern. Was das wirtschaftliche Überleben angeht, besann er sich auf seine bäuerlichen Wurzeln, arbeitete als Gemüsegärtner, Holzhacker und Torfstecher.
Sein Sohn Rainer Schulte Strathaus, 76, bedauert, ihn nicht intensiv nach seiner Vergangenheit befragt zu haben. „Ich ärgere mich darüber“, sagt er. Er behält seinen Vater als „herzensguten Menschen“ in Erinnerung. „Ich habe ihn nie anders kennengelernt.“
1968 starb Ernst Schulte Strathaus, Bauernsohn, Goethe-Kenner und Astrologe, bei einem Autounfall am Prinzregentenplatz. Über Rudolf Heß hatte er nie wieder ein Wort verloren. Horoskope hingegen hat er bis an sein Lebensende erstellt. Volker Ufertinger