Es war schon fast sinnbildlich, wie sich Usain Bolt von der Leichtathletik verabschiedete. Der Mann, der seine Sparte neun Jahre lang in seinen Bann gezogen hatte, humpelte und stürzte auf den letzten Metern seiner Karriere. Deutlicher hätte es sich nicht offenbaren können: Bolts Zeit ist vorbei. Eine nicht viel bessere Figur gab das gesamte jamaikanische Sprintteam ab, das bei der WM in London ein mehr als rätselhaftes Desaster erlebte. 2016 in Rio (Olympia) und 2015 in Peking (WM) holten die Schnellläufer von der Insel je fünf von sechs Goldmedaillen (100 m, 200 m, 4×100 m), diesmal blieben für die Sportler in Schwarz-Gelb-Grün gerade mal zwei Bronze-Plaketten übrig – eine Schmach. Für jene, die dem nun völlig zerbröselten karibischen Sprint-Wunder schon immer misstrauten, ist das sicher Nahrung für weitere Spekulationen.
Für die Leichtathletik ist Bolts Abschied in jedem Fall ein großer Verlust. Sein Charisma überstrahlte bisweilen sogar die Dopingkrise, sein Starappeal und seine gigantischen Leistungen wurden zum Markenzeichen einer ansonsten schwer gebeutelten Branche. Was wird also in der Zeit nach Bolt, dem Unersetzlichen? Nun, ein neuer Bolt ist zwar nicht in Sicht, auch für einen so großartigen Sportler wie den Südafrikaner Wayde van Niekerk sind da die Fußstapfen viel zu groß. Aber von der – von manchen befürchteten – Endzeitstimmung der Leichtathletik konnte im Londoner Olympiastadion sicher nicht die Rede sein.
Der große Sieger präsentierte sich dabei nicht auf der Laufbahn, sondern auf den Rängen. Es war das bekannt fachkundige und begeisterungsfähige britische Publikum, das den globalen Wettstreit der Läufern, Springer und Werfer mit enormen Emotionen speiste. Die konstante Hochstimmung im gefüllten Rund bot den idealen Rahmen, um die Faszination dieser Sportart immer wieder aufleuchten zu lassen. Kein Zweifel, die Londoner WM war ein Erfolg, ein Fortschritt nach dunklen Jahren.
Mit einem ansehnlichen Schlussspurt warteten dabei die deutschen Leichtathleten auf. Fünf Medaillen (zwei mehr als noch bei Olympia in Rio) – das war ungefähr die Ausbeute, die man erwarten durfte. Auch wenn es zweifellos immer schwieriger wird, sich in dem enorm breiten internationalen Konkurrenzkampf zu behaupten. 42 Nationen tauchten diesmal im Medaillenspiegel auf. Auch das ein positives Lebenszeichen der Leichtathletik.