Kräuterbuschen Binden

Die ganze Vielfalt in einem Strauß

von Redaktion

Von Susanne Sasse

Andechs – Der Tisch auf dem Hof von Gisela Hafemeyer in Frieding bei Andechs (Kreis Starnberg) liegt voller Kräuter. Es sind mehr als 40 verschiedene, gemeinsam mit ihrer Mutter Lieselotte Hörmann (78) hat sie sie gesammelt. Nach drei Stunden musste sie sich zwingen, aufzuhören, sonst hätte sie den ganzen Tag weitergesucht. Denn Pflanzen zu sammeln, das war schon als kleines Mädchen ihre Leidenschaft.

Die Kräuterbuschen bindet traditionell ihre Mutter Lieselotte Hörmann. „Ich habe es von meiner Mutter gelernt, ohne Kräuterbuschen kann ich mir den Sommer nicht vorstellen“, sagt die Seniorin.

Wie genau die Buschen gebunden gehören, da hat jeder seine eigene Methode, erklärt sie: „Es gibt kein richtig und falsch, jede Region hat andere Regeln.“ Aber ein paar gelten überall: Prachtvoll sollen die Buschen eben sein – und fast überall bindet man in die Mitte eine Königskerze.

In einigen Regionen werden nur sieben Kräuter hineingebunden, sie sollen die Zahl der Wochentage symbolisieren. Anderenorts stehen zwölf Kräuter für die Zahl der Apostel. Häufig aber werden weit mehr Kräuter gebunden – 24, 48, 72, 77, oder sogar 99.

„Mir kommt es darauf an, die Pracht und Vielfalt der Natur in den Buschen zu zeigen, von jeder Pflanze binde ich immer drei Stück hinein, mindestens“, erklärt Lieselotte Hörmann ihre Methode.

Nach dem Kirchgang wird der Buschen kopfüber im Herrgottswinkel aufgehängt und getrocknet. Dort hängt er dann ein Jahr lang, und wenn der neue Buschen kommt, wandert der alte in den Kuhstall, um dort für Glück zu sorgen. Früher gaben die Bauern krankem Vieh gesegnete Kräuter.

Hokuspokus, findet Kräuterpädagogin Gisela Hafemeyer, hier komme es darauf an, gezielt die richtige Medizin zu verabreichen, nicht darauf, ob das Kraut gesegnet ist. Für sie sind die Kräuterbuschen vor allem eines: Eine wichtige Tradition, die das Wissen über die Natur fördert und deshalb nicht in Vergessenheit geraten darf.

In einem Buch über Brauchtum hat sie wichtige Stellen gelb markiert. Dort heißt es, das Binden der Kräuterbuschen war ursprünglich ein heidnischer Brauch, den die Kirche übernahm. Mit der Begründung, aus Marias Grab sei ein bezaubernder Blumenduft geströmt, als sie in den Himmel aufgenommen wurde.

In den Augen von Gisela Hafemeyer ist der Brauch des Kräuterbuschenbindens ein Segen. Sie bedauert sehr, dass viel Wissen um Heilkräuter in Vergessenheit geriet, weil die Frauen im Mittelalter zur Zeit der Hexenverfolgung ihr vererbtes Kräuterwissen nur heimlich nutzen konnten. Vieles ging so verloren, bis die Kirche das Kräutersammeln doch akzeptierte.

Die bodenständige Gisela Hafemeyer hat sich dieses Kräuterwissen in einer langen Ausbildung angeeignet. Nach der Landwirtschaftslehre wurde sie Dorfhelferin, Kräuterpädagogin, Gartenbäuerin und schließlich Erlebnisbäuerin. Ihr geht es darum, vor allem Kindern die Natur nahezubringen. „Das Buschenbinden empfehle ich jedem, ob gläubig oder nicht. Es erdet und öffnet die Augen für die Wunder und die Vielfalt der Natur“, sagt Hafemeyer. „Die Natur ist für mich alles zugleich: Wissenschaft und Wunder, Biologie, Chemie, der Kreislauf der Jahreszeiten und vieles mehr.“

Viele Heilkräuter, die sie in ihrer Hausapotheke verwendet, sammelt sie auch für die Kräuterbuschen. Etwa die vitaminreiche Brennnessel, oder das Gundermannkraut, das Schürfwunden lindert und dank seiner herben Note wunderbar würzt. Hafemeyer zählt Dutzende von Kräutern und deren Verwendung auf, sprudelt wie ein Wasserfall. Ihre Augen leuchten wie die eines Kindes, als sie sagt: „Ich verarbeite alles, was uns die Natur schenkt und bin dankbar für all ihre Gaben.“

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