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Neuer Stromanbieter – ganz ohne Vertrag

von Redaktion

Von Sebastian Hölzle

Otterfing – Als Georg Heim Anfang Juli die Posten auf seinem Kontoauszug überprüfte, traute er seinen Augen nicht mehr: Der Stromanbieter Voxenergie hat dem Metzgermeister aus Otterfing 80,63 Euro vom Konto abgebucht. Was Heim daran so merkwürdig findet: „Ich habe nie einen Vertrag bei Voxenergie unterschrieben und auch nie eine Bankeinzugserlaubnis erteilt“, beteuert er.

Wie konnte es trotzdem dazu kommen? Heim schildert das Vorgehen des Stromanbieters so: Vor einigen Wochen sei er von einer Mitarbeiterin des Unternehmens angerufen und gefragt worden, wie hoch seine monatliche Stromrechnung sei. Er habe daraufhin einen Betrag von 72 Euro genannt. Viel zu hoch, habe die Mitarbeiterin geantwortet und behauptet, bei Voxenergie läge die monatliche Abschlagzahlung bei gerade einmal 58 Euro. Da das Angebot für Heim interessant klang, ließ er sich die Vertragsunterlagen zuschicken. „Ich hab’ mir gedacht: Man kann sich das Ganze ja einmal anschauen“, sagt Georg Heim.

Genau damit tappte er in die Falle: Statt der versprochenen 58 Euro war im Vertrag plötzlich von über 80 Euro die Rede. Heim warf den Vertrag in den Papierkorb, unterschrieben hatte er ja nichts. Voxenergie habe noch zwei Aufforderungen geschickt, den Vertrag zu unterschreiben, erinnert sich Heim, darauf habe er nicht reagiert, die Angelegenheit war für ihn abgehakt.

Die Überraschung kam einige Wochen später: Von seinem bisherigen Stromanbieter erhielt Heim eine Endabrechnung – und Voxenergie buchte ihm über 80 Euro vom Konto ab. Jeglicher Einspruch beim Unternehmen blieb folgenlos, offenbar hatte Heims bisheriger Energieversorger die Kontodaten an Voxenergie weitergegeben.

Heim ist nicht der einzige Stromkunde in Deutschland, der Opfer dieser Masche geworden ist. Den Verbraucherzentralen sind inzwischen 1500 Fälle bekannt, bei denen Verbraucher ungewollt in Verträge schlitterten.

Jetzt landen die Fälle vor Gericht. Die Verbraucherzentrale NRW hat im Frühjahr Klage gegen vier Stromversorger eingereicht. Der Vorwurf: Ahnungslose Kunden werden angerufen, ohne Einwilligung wird ihnen ein neuer Stromvertrag untergejubelt, beim aktuellen Energieversorger wird der Vertrag gekündigt – ohne Vollmacht. Ein Verhalten, das Georg Heim inzwischen nur zu gut kennt.

Vier Unternehmen müssen sich jetzt vor Gericht dafür verantworten: Die Stadtwerke Pforzheim, die Mivolta GmbH, die PST Europe Sales GmbH und ein viertes Unternehmen aus Berlin: Die Voxenergie GmbH – der neue Energieversorger von Georg Heim aus dem Landkreis Miesbach. Laut Verbraucherschützern ist der Verhandlungstermin vor dem Landgericht Berlin für den 5. September angesetzt.

Viel ist über den Berliner Stromversorger Voxenergie nicht bekannt. Mit dem Heidelberger Vergleichsportal Verivox, einem Tochterunternehmen des ProSiebenSat.1-Konzerns, hat der Energieversorger Voxenergie bis auf die Namensähnlichkeit übrigens nichts zu tun. Wie aus dem zuletzt im Bundesanzeiger veröffentlichten Geschäftsbericht hervorgeht, leitet ein Mann namens Marijan Vukusic die Geschäfte von Voxenergie. Die Unternehmen beschäftigte laut Bericht keine Mitarbeiter. Abgewickelt wird der Stromvertrieb offenbar über die Muttergesellschaft, die Primaholding GmbH, ebenfalls ansässig in Berlin. 77 Mitarbeiter beschäftigte das Mutter-Unternehmen, 2016 wies die Dachgesellschaft einen Gewinn von über fünf Millionen Euro aus.

Eine Anfrage unserer Zeitung, ob die Vorwürfe der Verbraucher zutreffen, ließ Voxenergie unbeantwortet. Auch äußerte sich das Unternehmen nicht zu der Frage, wie viele Neukunden im laufenden Jahr durch Telefonwerbung gewonnen werden konnten.

Klar ist nur, dass Voxenergie mittlerweile ins Visier der zuständigen Aufsichtsbehörde in Bonn geraten ist. Wie die Bundesnetzagentur mitteilte, liegen der Behörde Beschwerden über das Unternehmen vor. „Im Zuge der Ermittlungstätigkeit der Behörde werden die Beschwerden zunächst unter anderem auf ihre Aussagekraft geprüft und verifiziert“, erklärte ein Sprecher unserer Zeitung. Aus ermittlungstaktischen Gründen könne er in diesem Stadium aber keine weiteren Informationen geben. Auch die Zahl der Beschwerden nannte er nicht.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Unternehmen der Primaholding Strafe zahlen muss. Gegen die Prima Call GmbH – ebenfalls ein Tochterunternehmen der Primaholding – hatte die Bundesnetzagentur vergangenes Jahr ein Bußgeld in Höhe von 150 000 Euro verhängt, erklärte der Behördensprecher weiter. Das Verfahren sei noch nicht abgeschlossen, die Firma habe Einspruch eingelegt.

Auffallend ist, dass sich Fälle zweifelhafter Werbemethoden in jüngster Zeit häufen. Erst vor zwei Wochen hatte die Bundesnetzagentur gegen den Münchner Stromversorger Energy2day eine Rekordstrafe von 300 000 Euro verhängt. Noch läuft die Einspruchsfrist. Der Vorwurf der Behörden auch hier: Illegale Telefonwerbung. Etwa 2500 Stromkunden hatten sich bei den Beamten in Bonn über Werbeanrufe des Energieversorgers beschwert. Anrufer hätten sich im Auftrag von Energy2day wiederholt als Mitarbeiter oder Partner der örtlichen Energieversorger ausgegeben und damit versucht, die Verbraucher zu einem Anbieterwechsel zu bewegen.

Die Überrumpelungs-Methoden am Telefon scheinen so beliebt zu sein wie lange nicht mehr. Allein im vergangenen Halbjahr sind bei der Bundesnetzagentur rund 26 000 schriftliche Beschwerden über unerlaubte Telefonwerbung eingegangen. Bereits im Vorjahr hatte es einen Zuwachs gegeben. Dabei unterliegt Telefonwerbung in Deutschland strengen Regeln (siehe Kasten).

Georg Heim aus Otterfing wundert sich trotzdem darüber, wie er in einem Rechtsstaat ohne Unterschrift Kunde eines neuen Stromanbieters werden konnte. Jetzt hofft er, dass die Verbraucherzentrale mit ihrer Klage gegen Voxenergie Recht bekommen wird. Ist das der Fall, besteht für Stromkunden wie ihn zumindest Hoffnung. „Wenn es Verbraucher gibt, bei denen es ähnlich gelaufen ist, könnten sie sich gegenüber dem Unternehmen auf ein solches Urteil berufen“, sagt Verbraucherschützer Julian Sturm.

Beschwerden

über unerlaubte Telefonwerbung können Verbraucher bei der Bundesnetzagentur einreichen. Informationen und Formblätter hat die Behörde im Internet bereit gestellt: www.bit.ly/2fohx6g

Per Post ist die Behörde zu erreichen unter: Bundesnetzagentur, Nördeltstr. 5, in 59872 Meschede; per Telefon unter: 0291/9955 206. Auch die Verbraucherzentralen bitten um Hinweise über unerlaubte Telefonwerbung: www.bit.ly/2vICK10

Musterschreiben, um bei Telefon-Abzocke Widerspruch einzulegen, finden sich unter: www.bit.ly/2tiLxXD

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