Charlottesville – Man kann sich die furchtbaren Szenen im Internet ansehen: Es gibt Videos, auf denen zu sehen ist, wie das Auto immer schneller die enge Straße in Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia entlang auf eine Menschenmenge zurast. Es gibt Videos, auf denen zu sehen ist, wie es einige Menschen mit solcher Wucht erfasst, dass sie durch die Luft fliegen. Es gibt Videos, auf denen Menschen wutentbrannt aufeinander einprügeln. Und es gibt Videos eines US-Präsidenten, der ganz offensichtlich nicht die richtigen Worte findet. Sie alle kursieren am Wochenende. Und sie alle sorgen für eine erregte politische Debatte in den USA.
Bisher ist Donald Trump fast immer für das kritisiert worden, was er gesagt hat. Diesmal ist es umgekehrt: Über die Parteigrenzen hinweg gibt es Empörung über das, was er ausgelassen hat. Die Reaktionen und Emotionen sind so heftig, dass manche Medien schon von einem neuen Tiefpunkt seiner Präsidentschaft sprechen. „Trump babbelt im Angesicht einer Tragödie“, ist der Meinungsartikel in der „Washington Post“ überschrieben. Nicht jeder Präsident sei gleichermaßen gut darin, in schweren Zeiten die Nation zu einen, zu trösten, moralische Klarheit in der Mitte von Konfusion zu vermitteln, hieß es darin. „Aber bisher war keiner unfähig dazu. Bis Donald Trump.“
Kritiker haben ihm schon seit langem sein Herumeiern angelastet, wenn es darum geht, die Ultrarechte zu verurteilen – die ihn gewählt hat, aus seinem Sieg eine neue Legitimation ableitet und das auch am Samstag in Charlottesville demonstriert. Manche kommen mit Trump-Plakaten, und der ehemalige Ku-Klux-Klan-Führer David Duke erklärt vor laufenden Kameras, das hier sei ein „Wendepunkt“ für eine Bewegung, die „die Versprechen von Donald Trump erfüllen“ wolle. Duke ist jener Mann, zu dessen Unterstützung Trump auf Journalistenfragen einst sagte, er kenne „Herrn Duke“ nicht. Erst später beschrieb er ihn als „schlechte Person“.
Am Samstag fällt zuerst auf, wie quälend langsam Trump reagiert. Szenen von Rechtsextremisten, die auf Gegendemonstranten einprügeln, teils mit Ku-Klux-Klan-Hauben, Konföderierten-Fahnen und Knüppeln zu der Kundgebung kommen, flimmern längst über die Bildschirme. Es gibt dieses Video des Autos, das in die Menge aus Gegendemonstranten rast und mindestens eine 32-jährige Frau tötet. Fünf Menschen befinden sich laut US-Medien auch am Sonntag noch in kritischem Zustand. Der Fahrer, der 20-jährige James Alex Fields Jr., der in Kentucky aufwuchs und inzwischen in Ohio lebt, wird festgenommen. Und als wäre das alles nicht schlimm genug, stürzt auch noch ein Polizeihubschrauber ab – zwei Beamte sterben. Irgendwann beginnen die ersten TV-Moderatoren zu fragen: Was macht eigentlich der Präsident?
Trump äußert sich nach einem ersten, allgemein verurteilenden Tweet schließlich bei einem Auftritt an seinem Urlaubsort in Bedminister (New Jersey). Er verurteilt zwar die „ungeheuerliche Gewalt“ vom Samstag, erwähnt die Kundgebung der Rechtsextremen aber nicht direkt. Stattdessen spricht er pauschal von „Gewalt von vielen Seiten“. Auf Nachfragen der Journalisten reagiert er nicht. Dafür hagelt es heftige Kritik.
„Mr. President – wir müssen das Böse beim Namen nennen. Dies waren weiße Rassisten und dies war einheimischer Terrorismus“, schreibt der republikanische Senator Cory Gardner.
„Es ist sehr wichtig, dass der Präsident die Ereignisse in Charlottesville als das beschreibt, was sie sind, ein Terroranschlag weißer Rassisten“, sagt der republikanische Senator Marco Rubio.
Und selbst Trumps Tochter Ivanka findet: „In der Gesellschaft sollte kein Platz für Rassismus, weiße Vormachtstellung und Neonazis sein.“
Anlass der Demonstration ist ein Stadtratsbeschluss, eine Statue des Konföderierten-Generals Robert E. Lee aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) zu entfernen. Die zwei Autostunden südwestlich von Washington gelegene Stadt gilt als Hochburg der US-Demokraten, nach CNN-Angaben stimmten dort bei der Präsidentenwahl 80 Prozent für Trumps demokratische Herausforderin Hillary Clinton. Die Konföderierten (Südstaaten) hatten für den Fortbestand der Sklaverei gekämpft. Die Rechten wollen sie weiter ehren.