Unruhen in Charlottesville

Trump zündelt mit

von Redaktion

Die Erkenntnis ist nicht neu: Die USA sind, auf sehr vielen Ebenen, ein gespaltenes Land. Politisch offenbarte sich der gesellschaftliche Riss bei der Präsidentschaftswahl, als den beiden prosperierenden, eher liberal wählenden Küstenstreifen viele zurückgebliebene ländliche Regionen gegenüberstanden, in denen die weiße Bevölkerung Donald Trump ins Amt verhalf: aus Verzweiflung über wirtschaftlichen Niedergang, aus Verachtung für Eliten – und aus Hass auf Schwarze, Latinos, Zuwanderer.

Dieser Zusammenhang macht die tödlichen Ausschreitungen von Charlottesville zu einem weltpolitischen Problem. Natürlich sind Aufmärsche von Radikalen kein singulär amerikanisches Phänomen, wie nicht nur der G20-Gipfel bewies. Im Gegenteil: In Zeiten der Filterblasen in sozialen Netzwerken fällt es Extremisten immer leichter, sich mit Gleichgesinnten zu organisieren. In den USA aber alarmiert, dass sich der Neonazi-Mob offen auf den amtierenden Präsidenten beruft und als Ziel ausgibt, Trumps Wahlkampfagenda radikal umzusetzen.

Rassistische Spannungen gibt es in den USA seit Jahrhunderten. Die aktuellen Proteste entzündeten sich nicht zuletzt am Umgang mit Denkmälern vermeintlicher Helden des Bürgerkriegs, allesamt Anhänger der Sklaverei. Auch zu Zeiten eines John F. Kennedy gab es schlimme Exzesse des Ku-Klux-Klans. Neu dagegen ist, dass sich der Präsident vor einer klaren Verurteilung drückt – und das nur acht Jahre, nachdem die Welt mit dem Wahlerfolg Barack Obamas den vermeintlichen Sieg über den Rassismus feierte. Doch die Gegenbewegung kam rasch: erst mit dem Aufstieg der Tea Party, dann mit der Wahl Trumps, der im Weißen Haus rechtsextreme Berater installierte. Die Neonazis fühlen sich durch Trumps Sympathien ermutigt, leider dürften auch ihre Gegner durch die Vorfälle des Wochenendes weiter radikalisiert werden.

Der sonst nie um klare Worte verlegene Präsident mag nun über Geschlossenheit schwadronieren, doch er selbst befeuert den Unfrieden – und schwächt damit einmal mehr die Glaubwürdigkeit seiner Regierung, gegenüber den Despoten der Welt als moralische Instanz aufzutreten.

Mike Schier

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