Volker Kutscher über die Verfilmung seiner „Gereon Rath“-Romane

von Redaktion

Von Christoph driessen

Volker Kutscher (54) ist gerade wieder zurück aus Berlin. Dort hat er sich die ersten Folgen von „Babylon Berlin“ angesehen, der Verfilmung seiner Bestseller-Reihe um Kommissar Gereon Rath. Sein Urteil: „Wunderbar. Ich kannte schon ein paar Bilder, weil ich mal beim Dreh war und mir im Schneideraum erste Szenen angeschaut habe. Aber fertig erzählt ist es eben noch etwas anderes. Die Serie zieht einen total in diese Welt hinein. Man hat das Gefühl, im alten Berlin auf der Straße zu sein, man hört den Verkehr und spürt die Atmosphäre. Wirklich toll.“

Gereon Rath ist Kommissar im Polizeipräsidium am Alexanderplatz – vor fast 90 Jahren. Die Geschichten spielen in der Endphase der Weimarer Republik und zu Beginn der Nazi-Diktatur. Die Art und Weise, wie Kutscher Krimiplot und Zeitkolorit, historische Alltagsrealität und Fiktion miteinander verschränkt, fesselt seine Leser. Sechs Bücher sind bisher erschienen, der erste Roman bildet die Grundlage für „Babylon Berlin“. Die 16-teilige Reihe läuft ab dem 13. Oktober zunächst bei Sky, Ende 2018 dann in der ARD.

In der Serie werden einige Handlungsstränge aus dem Buch zusätzlich ausgebaut. Außerdem tauchen ein paar „Promis“ aus der Zeit auf, so etwa Außenminister und Friedensnobelpreisträger Gustav Stresemann. Für Kutscher ist vor allem wichtig, dass man das Ganze nicht distanziert von außen betrachtet wie in einer historischen Dokumentation, sondern sich der damaligen Welt selbst zugehörig fühlt. „Es ist der Versuch zu zeigen, wie modern diese Welt eigentlich schon war. Der Versuch, die zeitliche Barriere von 80, 90 Jahren vergessen zu machen. Und das ist im Film sehr gut gelungen.“

Das alles erzählt er in einem Café im Berlin-fernen Köln, seiner Heimatstadt. Die Faszination für das wilde Berlin der Zwanziger- und Dreißigerjahre entstand bei ihm, noch ehe er die Stadt zum ersten Mal betreten hatte: „Das begann mit Erich Kästner. ,Emil und die Detektive‘, ,Pünktchen und Anton‘. Da steckt echtes Leben drin, da werden Straßennamen und Gebäude genannt, die es gab. Da liest man von Kindern, die auf der Weidendammer Brücke stehen und Streichhölzer oder Schnürsenkel verkaufen. Da bin ich sofort eingestiegen.“ In gerader Linie kam er von dort zu „Berlin Alexanderplatz“ und anderen Berlin-Romanen. „Ich wäre damals aber nie auf die Idee gekommen, in dieser Welt einmal selbst Kriminalromane anzusiedeln.“

Das geschah erst sehr viel später, als der Journalist schon einige Regionalkrimis aus seiner bergischen Heimat veröffentlicht hatte. Eben weil ihn die Zeit so fasziniert, macht ihm das Recherchieren in Büchern, Archiven und alten Zeitungen großen Spaß. „Egal ob Autos, Mode, Bauhaus – das find’ ich alles ziemlich gut. Und dazu kommen die hoffnungsvollen politischen Ansätze, die 1933 dann fatalerweise auf einen Schlag erstickt wurden. Diese Tragik hat mich auch schon immer beschäftigt.“

Ursprünglich sollte die Serie 1936 enden, mit einem Kriminalfall vor dem Hintergrund der Olympischen Spiele in Berlin. Inzwischen hat es sich Volker Kutscher aber anders überlegt: „Weil das ein zu harmloses Jahr wäre, um aus der Serie auszusteigen.“ Gleichwohl wird Rath 1936 den Polizeidienst verlassen, weil die Arbeit der Kriminalpolizei immer stärker von Himmlers SS kontrolliert wird. Denn so ist es eben, wenn man ausgehend von 1929 weitererzählt: Es kann nur schlechter werden.

Angedacht ist, dass Rath im Jahr 1938 noch einen Fall als Privatmann löst. Danach ist Schluss. „Da werde ich auch nicht mit mir reden lassen“, versichert Kutscher. Gut vorstellen kann er sich dagegen, eine neue Serie zu entwickeln, eventuell aus den Vierziger- oder Fünfzigerjahren, weil das auch eine große Umbruchzeit war. Aber alles noch ohne Gewähr.

Jetzt hat er erst mal das ‘35er Buch angefangen. Arbeitstitel: „Marlow“, nach Raths Gegenspieler aus der Berliner Unterwelt. „Das wird so ein bisschen ein Showdown zwischen den beiden.“

Artikel 1 von 11