Greiling – Es ist laut. Sehr laut sogar. Motorsägen heulen, der Lärm von schweren, sich bewegenden Kränen dröhnt durch die Luft, Sägespäne wirbeln umher. Mittendrin: Nikolas Berwian, 43, und seine Mitarbeiter. An einem alten Sägewerk in Greiling im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen bauen sie Holzblockhäuser aus Naturstämmen. Und das fast ausschließlich per Handarbeit – wie vor 100 Jahren. Berwian sagt: „Blockhausbau ist ein sehr ursprüngliches Handwerk. Da fliegen die Fetzen.“
Ruhe kehrt in der Mittagspause ein. Bei schwarzem Kaffee und Steckerleis erklärt Berwian, was ihn antreibt. Warum er mit seiner Firma „Nicolog“ in Zeiten, in denen moderne Steinhäuser mit Glaselementen offenbar im Trend liegen, auf traditionelle Blockhäuser setzt. Und warum er absichtlich ein Nischenprodukt herstellt. Dabei spricht er viel von Ökologie und Nachhaltigkeit. Von „kurzen Wegen“ und sparsamem Ressourcenverbrauch. Dinge, die ihm wichtig sind.
Das Holz beispielsweise, das er für seine Blockhäuser verwendet, bezieht er ausschließlich aus der Region. „Das kommt alles aus den Wäldern zwischen Lenggries und Irschenberg“, sagt Berwian.
Die Stämme der Tannen sucht er, so gut es geht, mit viel Sorgfalt eigenhändig aus, wenn sie noch stehen. Bei der Auswahl hat er strenge Kriterien: Ruhig gewachsen muss das Holz sein und einen gleichmäßigen Jahresringaufbau haben. „Nur so kann ich hohe Qualität versprechen.“
Die Holzernte macht er bewusst im Winter. Das sei „die Zeit der Saftruhe“. Bedeutet: Der Wassergehalt in den Stämmen ist dann am geringsten. So beinhalten die Tannen wenig Zucker- und Eiweißstoffe, was dazu führt, dass sie später deutlich weniger anfällig für Schädlingsbefall sind.
Vorbildlich sind Berwians Blockhäuser auch in Sachen Energiebilanz. Das liegt zum einen an dem überschaubaren maschinellen Einsatz bei der Herstellung: Berwian verwendet viele traditionelle Werkzeuge wie Ziehmesser, Schiffshobel und Kehrhaken. Einzig bei Motorsäge und einer 200 Jahre alten Gattersäge reichen Muskelkraft und Geschick allein nicht aus, um sie zu betätigen. Zum anderen speichert ein fertiges Blockhaus laut Berwian etwa 100 Tonnen CO2. Unterm Strich, sagt er, steht eine „äußerst geringe ökologische Belastung“. Er sieht durchweg positive Aspekte, die bei der Gesetzgebung nach Meinung von Berwian aber zu wenig Gehör finden. Er bezieht sich dabei auf die EnEV. Die bayerische Energieeinsparverordnung schreibt vor, wie Gebäude im Freistaat hinsichtlich ihrer energetischen Eigenschaften, wie dem Wärmeschutz, aufgestellt sein müssen. Bei einer entsprechenden theoretischen Bewertung auf Basis der EnEV schneiden Holzblockhäuser oftmals schlecht ab, da moderne Bauten mithilfe von Dämmungen und Isolationsstoffen bessere Wärmedurchgangswerte vorweisen können, erzählt Berwian. Als „total widersinnig“ bezeichnet er das. Er befürchtet, dass sich potenzielle Kunden davon abschrecken lassen und fordert: „Die ökologische Gesamtbilanz sollte bewertet werden und nicht der primäre Heizenergiebedarf. Dann gäbe es kaum eine ökologischere Bauweise als unsere.“
Damit die einzelnen Stämme am Ende passgenau aufeinander liegen, verwendet Berwian einen Anreißzirkel. Kontur für Kontur überträgt er mit dem sensiblen Werkzeug. Maßarbeit ist gefragt. Berwian sagt: „Kein Stamm ist gleich. Blockbau hat viel mit Kreativität zu tun.“ Einen Nachteil sieht Berwian bei seinen Holzhäusern gegenüber den Steinvarianten nicht. Seine Kunden müssten beim späteren Ausbau lediglich berücksichtigen, dass sich das Haus nach der Fertigstellung noch um rund fünf Prozent setzt. Also sich geringfügig absenkt und an Höhe verliert.
„Das liegt an der Trocknung des Holzes und dem hohen Gewicht“, sagt Berwian. Und „etwas teurer“ als bei anderen Häusern könne es aufgrund des immensen handwerklichen Aufwands werden. Auf eine exakte Summe will er sich nicht festlegen, da diese stark von den individuellen Vorstellungen des Kunden abhänge. „Dafür wohnt man am Ende aber in einem echten Unikat.“
Als Bauzeit nennt Berwian zwei bis vier Monate. Dann wird das Haus in seinen Einzelteilen zum Kunden transportiert und dort in wenigen Tagen wieder aufgebaut. „Das ist dann ein bisschen wie Legospielen.“
Kennen und lieben gelernt, hat Berwian den Blockhausbau weit entfernt von der saarländischen Heimat, wo er herkommt. Nach dem Abitur, mit 21 Jahren, reiste er nach Kanada in das Mutterland der Holzblockhäuser. Dort sammelte er erste Erfahrungen mit der traditionellen Bauweise. Die Leidenschaft packte ihn sofort. „Und sie hat mich bis heute nicht losgelassen“, sagt er mit einem breiten Lächeln.
Nach einer Ausbildung zum Zimmermann bei einer deutschen Blockhausbau-Firma kam er ordentlich rum: Berwian arbeitete etwa in Rumänien und drei Jahre als Produktionsleiter in Russland. Das alte Greilinger Sägewerk hat er seit 2011 gepachtet – und möchte von dort auch nicht so schnell wieder weg.
Berwian nimmt noch einen kräftigen Schluck Kaffee, ehe die Motorsägen wieder heulen, blickt auf das viele Holz und seine Mitarbeiter und sagt: „Hier fühle ich mich einfach superwohl.“