Nabburg – Reihen von dunkelblauen Uniformen. Ordentlich angezogen sitzen 20 Polizeischüler in einem Klassenzimmer, junge Männer und Frauen, vereint durch ihre Dienstkleidung, die Waffen an den Gürteln. Was, wenn einer auffällt? „Sie alle haben keine Wahl, keine Alternative“, ruft Martin Zenk in den Raum. „Sie sind so, wie Sie sind!“ Er spricht über Homosexualität, als Seelsorger. Und zwar als katholischer. Ausgerechnet bei der bayerischen Polizei. Martin Zenk hält Seminare, die zur berufsethischen Ausbildung aller Polizeischüler im Freistaat Bayern gehören. Als Dienst der katholischen Kirche, im Auftrag des Staates.
Seelsorger Zenk unterrichtet im Wechsel mit einem evangelischen Kollegen, an diesem Tag am Polizeiausbildungsstandort im oberpfälzischen Nabburg ist er selber dran. Die Schüler wissen, dass sie ein Seminar über „Vielfalt“ erwartet. Was sie nicht wissen: dass sie sich darin damit auseinandersetzen sollen, dass es nicht nur heterosexuelle Bürger gibt. Sondern auch schwule und lesbische Kollegen. Haben sie mehr Probleme im Dienst? Die Schüler, die zu ihrem Schutz hier keine Namen tragen sollen, diskutieren in kleinen Gruppen. Schüler 1: „Ja, natürlich, das ist unvermeidbar, wenn jemand es nach außen hin im Dienst zeigt, dass er schwul ist. Das ist ja in fast allen Berufsgruppen so, oder?“ Schüler 2: „Na ja, bei einem Friseur ist das nicht so schlimm…“ Ein älterer Polizist, der das Seminar begleitet: „Beim Friseur ist es fast schon Voraussetzung, oder?“ Ein paar lachen.
Es sind auch solche Witze unter Kollegen, die Johannes Träumer anprangert. Die Reduzierung von Schwulen auf Klischees, auf die Dragqueens mit rosa Federboa oder Lack-und-Leder-Fans mit bloßem Po, die Reduzierung aufs Sexuelle und auf unterstellte Verhaltensweisen. Er ist selbst Polizist, schwul und Vorsitzender des Velspol in Bayern, dem Verein für lesbische und schwule Polizeibedienstete, der sich die Aufklärungsarbeit mit den Kirchen teilt.
So steht Träumer neben Zenk vor den Schülern. Träumer outete sich mit 27 Jahren im Kollegenkreis. „Da war ich schon zehn Jahre bei dem Haufen dabei, ohne dass jemand wusste, dass ich schwul war“, erzählt er. Zehn Jahre, in denen das Wort „schwul“ nur im Negativen fiel. „So ein schwuler Scheiß“, hieß es dann eben, „schwul“ – auch heute ein beliebtes Schimpfwort. Zehn Jahre, in denen solche Ausdrücke ihn davon abhielten, die Wahrheit zu sagen, in denen er lügen musste. „Wenn einer noch nicht geoutet ist und er die ganze Zeit hört, dass alles, was irgendwie negativ ist, „schwul“ ist“, sagt Träumer, „kann es so weit gehen, dass ich mir überlege: Wenn alles, was negativ ist, schwul ist – bin ich dann auch scheiße?“ Schüler 1: „Unter Kollegen sollte es da keine Probleme geben, das wäre komplett inakzeptabel.“ Schüler 3: „Aber es wird immer Kollegen geben, die das nicht so akzeptieren.“ Schüler 1: „Ja, manche werden sich bestimmt distanzieren. Auch wenn es nicht so sein sollte.“
Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Polizei in Deutschland ein reiner Männerbund, und Schwulsein war Tabu. Noch heute sind Polizisten im Dienst, die Anzeigen nach Paragraf 175 ausgestellt haben, der Homosexualität noch bis 1994 unter Strafe stellte. Viele Schwule haben der Polizei die Verfolgung von damals nicht verziehen. Für sie ist es überhaupt nicht ausgemacht, wie aufgeklärt die deutsche Polizei mittlerweile mit Schwulen in den eigenen Reihen umgeht. Das gilt erst recht in Bayern, das als Enklave der Erzkonservativen gilt.
Johannes Träumer erlebt eine ordentlich-bayerische Kindheit in Sontheim, katholisch erzogen, zehn Jahre lang Ministrant, die Mutter im Frauenbund, die Geschwister beide heterosexuell verheiratet. Sein Mann stammt aus einem 400-Seelen-Dorf, hat eine ähnliche Vita – und ist, wie Träumer sagt, „trotzdem schwul“. Zweimal behütete Kindheit, zweimal keine Traumata, zweimal lange homosexuell, bevor es den ersten Kontakt mit anderen Schwulen gab. Träumer räumt im Unterricht mit einigen Vorurteilen auf, mit seiner persönlichen Geschichte. Nicht das Umfeld, nicht bestimmte Erfahrungen machten ihn schwul. Er ist so, unabänderlich.
Da springt Seelsorger Zenk auf und unterbricht ihn. „Gerade meine Kirche hat da eine sehr lange Geschichte mit Homosexuellen“, sagt er. „Da hat man gesagt: ‚Die entscheiden sich bewusst dafür.’ Nein, Homosexuell-Werden gibt es nicht! Das ist Schmarrn!“ Zenk folgt der Wissenschaft, die von einer biologischen Veranlagung ausgeht. „Wenn der liebe Gott die Welt so gemacht hat, wie sie ist, und die Schöpfung gut ist, dann ist es auch ok, wenn jemand homosexuell ist.“ Auch in anderen Bundesländern sprechen katholische und evangelische Seelsorger mit Polizeischülern über Berufsethik und dabei auch über die Rechte und Belange von Schwulen, Lesben und Transgender. Aber in Bayern ist das Engagement der Kirche doch besonders überraschend. Hier überlegen sich einige CSU-Politiker, gegen die kürzlich beschlossene „Ehe für alle“ Verfassungsklage einzureichen. Wenn die bayerische Polizei heute für mehr „Vielfalt“ im eigenen Berufsstand wirbt, sind meistens Menschen mit Migrationshintergrund gemeint und auch die inzwischen gestiegene Quote von Frauen. In einem Imagevideo nehmen Frauen Verdächtige fest, sie führen Polizeihunde und schützen Demonstrationen. Nicht „uncool“ und „spießig“ sei die Polizei, sondern „mit Sicherheit anders“ – das ist die Botschaft dieser Filme. Schwule und Lesben gehören nicht zu der Kampagne. Für sie gibt es keine Pressemitteilungen des Innenministeriums. Aber immerhin, es gibt diese Seminare.