Trumpf statt Ramsch

von Redaktion

Sebastian Rudy hat sich überraschend schnell integriert – sogar beim Schafkopf will er sich einlesen

VOn ANDREAS WERNER

München – Sebastian Rudy kennt das, im Schatten zu stehen. Auch wenn er glänzt. Als der FC Bayern vor einer Woche den Supercup gewann, wurde das zwischenzeitliche 1:1 von Robert Lewandowski heiß diskutiert. Vorlagengeber Joshua Kimmich stand für viele im Abseits – was also ist vom Videobeweis zu halten, wenn er nicht helfen kann, so die Debatte. Die Kritik war berechtigt, doch es hätte sich auch gelohnt, die Szene noch einen Moment weiter zurückzuspulen. Der Pass auf Kimmich erfolgte aus dem Fußgelenk, mit viel Feingefühl ausbalanciert und punktgenau.

Es ist nun beim FC Bayern nichts Ungewöhnliches, dass Pässe ihren Empfänger finden, im Gegenteil. Die Spieleröffnungen von Jerome Boateng und Mats Hummels bereiten vielen Gegnern Mühe, und auch Xabi Alonso fand meisterhaft entblößte Stellen, um die Kugel durchzuschubsen. Beim Supercup aber fehlte der verletzte Boateng, von einer Reaktivierung Alonsos war nichts bekannt, und auch Hummels hatte mit der Szene nichts zu tun. Wer sich die Mühe machte, zurückzuspulen, sah einen unscheinbaren Mann mit einem Allerweltsgesicht bei der Arbeit. Der Ball kam von Sebastian Rudy.

Der Neuzugang aus Hoffenheim galt bei vielen als Streichkandidat Nr. 1, wenn die Startformation durchgespielt wurde. So ein typischer Transfer der Bayern halt, guter Leumund, aber auch null Star-Appeal, gekommen zum Nulltarif. Die Liste ist ewig, Sebastian Rode fällt einem in jüngster Zeit ein, und die Geschichte wiederholt sich in so dreister Regelmäßigkeit, dass es einen verwundert, warum Spieler wie Rudy noch immer dem Münchner Lockruf erliegen. Bis jetzt bietet auch seine Vita Parallelen zu allen Gescheiterten, denn die meisten bekamen nach der Vorbereitung gute Noten, was sie aber nicht davor bewahrte, später unter die Räder zu kommen. Nur: Rudy ist anders.

Tolisso wird gelobt, Vidals Feilscherei kritisch gesehen

Als die Bayern seine Verpflichtung im Winter bekannt gegeben haben, löste das keine Begeisterungsstürme aus, sagte selbst Karl-Heinz Rummenigge. Dann zog der Mittelfeldmann beim DFB-Team so gekonnt die Fäden, dass die Deutschen am Ende den Confed Cup stemmten. Und in München machte er genau so weiter. Er ist hungrig, loben die Bosse, wie Niklas Süle, der mit ihm aus Hoffenheim gekommen ist. Und: Er hat Erfahrung. Hier kommt der große Unterschied zu Rode und Kollegen, zu den Gescheiterten. Sebastian Rudy ist 27, führte Hoffenheim als Kapitän an. Ein Vergleich mit Stefan Effenberg, als der 1998 das zweite Mal zu den Bayern wechselte, liegt näher. Auch „Effe“ kam gereift, wobei Rudy vom Charakter her anders veranlagt ist. Er wird wohl nie ähnliche Allüren aufbauen.

Als größter Gewinner der Vorbereitung konnte sich der Neuling den vakanten Platz von Xabi Alonso im defensiven Mittelfeld sichern. Er verrichtet seinen Dienst verlässlich wie ein Metronom, in einer Ruhe, als habe er schon immer eines der kostspieligsten Teams des Globus dirigiert. Momentan hat er sich an der Seite von Corentin Tolisso etabliert, auf den Franzosen halten die Bosse große Stücke – und für Arturo Vidal ist es plötzlich eng geworden. Der Chilene wird intern sowieso etwas kritisch gesehen, ihm haftet der Ruf eines Söldners an. Wenn Rudy so weitermacht, ist er ein schönes Signal an Vidal, der stets um neue Millionen feilscht: Jeder muss seinen Preis erst einmal rechtfertigen. Und wenn Rudy zum Nulltarif auftrumpft, stärkt das – netter Nebeneffekt – die Position des Klubs.

Zumal Rudy vom Image eines Söldners genauso weit entfernt ist wie von dem eines Posterboys. Er hat sich überraschend schnell integriert, und sogar beim Schafkopf hat er sich schon eingelesen, verriet er der „tz“. Er kannte das Spiel bisher nur vom Namen, „es ist ein bisschen kompliziert – aber wenn man es mir zeigt, komme ich bestimmt rein“. Ist er beim Karteln ein Stratege wie auf dem Fußballplatz, ist er ein Trumpf – und weit weg vom Ramsch.

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