Augsburg – Michael Gregoritsch ist der Experte für die Einschätzung dieser Paarung in der ersten Bundesliga-Runde am Samstag: Hamburger SV – FC Augsburg. Der Österreicher ist gerade erst vom einen Klub zum anderen gewechselt. Was beide Vereine auch noch verbindet: Blamable Niederlagen gegen klassentiefere Vertreter. Hamburg verlor in Osnabrück, Augsburg in Magdeburg.
Man kann Michael Gregoritsch ja gleich mal fragen, ob sein alter und sein neuer Arbeitgeber mit Krisen auf unterschiedliche Weise umgehen. Also: Ist Unruhe in Augsburg ruhiger als Unruhe in Hamburg?
Offensivspieler Gregoritsch vergleicht: „In Hamburg waren diese Woche Hunderte von Zuschauern und viele Journalisten bei jedem Training, hier in Augsburg war niemand.“ Auch darum hat er empfunden, „dass wir keine Unruhe haben“. Ein Interviewsatz, den er in Augsburg äußerte, hat auch viel heftiger in Hamburg eingeschlagen. Gregoritsch sagte: „Anstelle des Hamburger SV hätte ich mich nicht abgegeben.“
Vielleicht hat Gregoritsch in einem Punkt recht: Akute Unruhe herrscht in Augsburg nicht. Sehr wohl aber gedämpfte Stimmung – und das schon die ganze Vorbereitung hindurch, eine Art Grundmelancholie ist entstanden. Der FCA hinterlässt nicht den Eindruck, personell gut gerüstet in die neue Saison, seine siebte in der Bundesliga, zu gehen. Wobei es an Quantität nicht mangelt im Kader.
Nachdem man zuletzt die altgedienten Paul Verhaegh, schon im Aufstiegsjahr 2010/11 dabei, und Raul Bobadilla an Wolfsburg und Mönchengladbach hat veräußern können, stehen immer noch 34 Spieler als Profis unter Vertrag. Da ist gewaltig was schiefgelaufen in der Langzeit- und Mittelfristplanung von Manager Stefan Reuter und dem Technischen Direktor Stephan Schwarz. Und man dürfte auch den aktuellen Markt falsch eingeschätzt haben.
Beispiel: die Torwartposition, bislang fest besetzt vom Schweizer Marwin Hitz, dessen Vertrag bis 30. Juni 2018 läuft. Jetzt ist noch die Gelegenheit, für ihn eine Ablöse (um die fünf Millionen Euro) zu erzielen, Reuter verpflichtete daher vorauseilend den Ex-Schalker Fabian Giefer. Jedoch: Für Hitz findet sich bislang kein Abnehmer, daher hat der FCA mit Hitz, Giefer und Andreas Luthe, einem ebenfalls erstligaerfahrenen Mann, derzeit drei Goalies mit Nummer-eins-Anspruch.
Reuter und Trainer Manuel Baum sagen, der FC Augsburg werde von der Breite des Kaders noch profitieren – doch näherliegend sind die Probleme, die die Überbesetzung bringt. Zuletzt bockte Verteidiger Kostas Stafylidis, der weg will, pikanterweise zum Hamburger SV. Fürs Pokalspiel war er verletzt gemeldet, als das Spiel zehn Minuten lief, postete er vom heimischen Sofa aus bei Instagram, dass er fit sei und der Mannschaft die Daumen drücke.
Wie wird Baum das überhaupt handhaben, wie wird er regelmäßig 16 Spielern verklickern, dass sie nicht zum Kader für den Spieltag gehören? „Jeder hat die Woche über die Möglichkeit, sich im Training anzubieten“, erklärt er. Nach dem Abschlusstraining werde in der Kabine „ein Zettel mit den Namen ausgehängt“. Kommunikation sei wichtig, aber er werde auch nicht jede Entscheidung im Einzelgespräch erläutern können.
Manuel Baum, seit Dezember 2016 im Amt, hat als Trainer trotz bestandenen Abstiegskampfs noch nicht überzeugen können, womöglich auch deswegen wird der FC Augsburg in nahezu allen Saisonprognosen auf den letzten Platz gesetzt. Stefan Reuter glaubt sich zwar zu erinnern, „dass wir vor jeder Saison – ausgenommen nach der Qualifikation für die Europa League – als Abstiegskandidat genannt wurden“, doch noch nie war die Meinung so einhellig. Baum wehrt ab: „Von Marktwerten und Geldern kann man so rechnen, doch das sind für uns nur Statistiken von außen.“ Er hält seine Mannschaft für gut genug aufgestellt, das Ziel Klassenerhalt zu realisieren.
Man hofft halt, dass man nicht so von Verletzungen gebeutelt wird wie in der Vorsaison und man bei den Transfers das richtige Gespür hatte: für Spieler, die anderswo verkannt wurden. Wie Michael Gregoritsch beim HSV, der ihn nicht behalten wollte. Der nun 23-Jährige war mal Österreichs Supertalent, unter seinem Vater als Trainer machte er in Kapfenberg sein erstes Profispiel mit 15.
Man hat ihm gesagt, dass Augsburg in sechs Jahren nie sein erstes Bundesligaspiel habe gewinnen können. Was er davon halte? „Schön“, sagte Gregoritsch, „dann brechen wir diese Serie“. Und: „Ich sehe keinen Grund, uns als Abstiegskandidat Nummer eins zu sehen.“