Anschläge in Spanien

Froh, noch am Leben zu sein

von Redaktion

Von Sophie Rohrmeier, Carola Frentzen und Jan-Uwe Ronneburger

München/Barcelona – Margarita Danderfer hört die Sirenen und Hubschrauber, sieht Menschen wegrennen – und versteht nicht. Sie sieht Panik, Polizei und Notärzte – aber weiß nicht, was geschieht. Sie weiß nur, dass sie vorsichtig sein muss. Die 28-jährige Doktorandin aus Regensburg ist im Urlaub in Barcelona und bummelt gerade durch die Altstadt der berühmten Touristenmetropole, am Hafen, am unteren Ende der Flaniermeile Las Ramblas. Am oberen ist gerade ein Lieferwagen in Fußgängerzone gerast. Menschen sterben dort, werden zum Teil schwer verletzt, während Margarita Danderfer einen Ort der Zuflucht sucht.

Sie findet ihn in einer Kirche. „Ich wusste nicht, was ich machen soll. Da bin ich reingegangen.“ Draußen evakuiert die Polizei die Gassen um sie herum. „Ich wusste, dass so etwas passieren kann“, sagt die junge Frau am Tag danach. „Aber Angst hatte ich nicht.“

Das sonnige Spanien galt Millionen Touristen aus dem eher verregneten Norden Europas als verlockendes und vor allem sicheres Urlaubsziel. Keine politischen Unruhen oder gar Terror wie in der Türkei, Ägypten und Tunesien. Bis Donnerstagnachmittag, als ein junger Mann mit einem Transporter Menschen mit voller Absicht totfährt und viele zum Teil schwer verletzt. Nur wenige Stunden später erschießen Polizisten in der Stadt Cambrils fünf mutmaßliche Terroristen. Die Opfer beider Anschläge stammen wohl aus 34 Ländern.

Binnen Sekunden verwandelt sich die Platanen bestandene Prachtmeile in Barcelona mit ihren mondänen Geschäften und schattigen Straßencafés in einen Ort des Grauens. Die Wucht des Aufpralls schleudert Passanten durch die Luft, Tote und Verletzte liegen auf dem Boden und Menschen laufen schreiend um ihr Leben. Bruchteile von Sekunden entscheiden über Tod oder Leben. „Da lagen Menschen auf dem Pflaster, blutüberströmt, ich weiß nicht, ob sie noch lebten“, erzählt eine Deutsche, die ihren Namen nicht nennen mag. Der Schock ist ihr ins Gesicht geschrieben, der Ausdruck starr und ungläubig. Geschockt ist auch die ganze bisher so entspannte und in sich selbst ruhende Stadt.

„Wie kann man so viel Hass in seinem Kopf haben, dass man Kinder überfährt, wofür wollte er sich denn rächen?“, fragt etwa Lorenzo und hebt hilflos die Arme. „Was immer dem Typen in seinem Leben widerfahren sein mag, so eine Tat ist einfach nicht zu verstehen.“ Mit seiner Frau wartet er seit Stunden darauf, in seine Wohnung gehen zu dürfen. „Es ist noch nicht sicher“, wiederholen Polizisten auch nach Mitternacht noch gebetsmühlenartig, wenn sie Hunderte Anwohner und Touristen an den weiträumigen Absperrungen rund um den Anschlagsort stoppen.

Der Fahrer, der zu Fuß flüchtete, ist nicht gefasst, und weil auch in Cambrils, südlich von Barcelona, mutmaßliche Angreifer Passanten angefahren haben, sitzen Zehntausende Autofahrer auf allen Ausfallstraßen bis zu vier Stunden in kilometerlangen Staus. Die Polizei filzt an hastig errichteten Sperren Auto für Auto. In Barcelona versuchen immer wieder einzelne, trotz der Flatterbänder durchzukommen. Energische Polizisten verscheuchen sie.

„Es ist eine große Tragödie, so wie der U-Bahnanschlag in St. Petersburg“, sagt Juri aus dem russischen Krasnodar entnervt. Wirklich sicher ist man nirgendwo mehr, es ist einfach eine Frage des Glücks“, sagt er und wartet weiter vor dem Flatterband. Juri sieht es wie Margarita Danderfer, die spätestens nach den Berichten über Nizza mit Terror gerechnet hat.

Manche halten sich in dieser Nacht einfach nur fest in den Armen. Selbst Polizisten mit Maschinenpistolen legen verschreckten Passanten den Arm um die Schulter. Noch immer jaulen Krankenwagen an Schaulustigen vorbei, Blaulicht zuckt durch die Nacht. Ansonsten ist die Stadt ungewöhnlich leer, die Menschen ziehen sich in den Schutz ihrer Häuser zurück.

Im katalanischen Touristenort Cambrils tötet der Fahrer eines Wagens in derselben Nacht eine Frau, sechs Menschen werden verletzt. Die Ermittler gehen davon aus, dass es einen Zusammenhang zwischen den Taten gibt. Möglicherweise wollten die mutmaßlichen Terroristen den Anschlag auf den Las Ramblas nachahmen. Selbst wer den Schrecken in Barcelona nicht unmittelbar erlebt hat, ist sehr verstört und verunsichert. Auch Judith und Augusto, zwei Mexikaner, warten an einer Sperre, endlich in ihr Hotel zu dürfen. Sie sitzen auf dem Kantstein und sind froh, noch am Leben zu sein. „Nur 20 Minuten vorher waren wir da, wo der Anschlag war“, erzählt Judith.

„Wir sind ja viel Gewalt gewöhnt, Entführungen, Schießereien zwischen Drogenbanden, Auftragskiller und so, aber solche Anschläge wie hier gibt es in Mexiko nicht“, sagt sie kopfschüttelnd. „Wir sind extra nach Spanien gekommen, um endlich mal in Ruhe Urlaub zu machen und nun dies“, sagt ihr Begleiter.

Am oberen Ende der Las Ramblas, am Plaça de Catalunya, Freitag, 12 Uhr: Tausende, die meisten in Trauerkleidung, versammeln sich auf dem beliebten Platz. Dann kehrt Stille ein. Ein tief bewegter König Felipe schließt die Augen, eine Minute lang schweigt das sonst pulsierende Herz der Metropole. Dann aber kommt das wahre Wesen der weltoffenen, fröhlichen Stadt wieder an die Oberfläche: Minutenlang applaudieren die Bürger frenetisch im Gedenken an die Opfer. Ein Chor auf Katalanisch brandet auf: „No temim por“ – Wir haben keine Angst!

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