Amerikas trauriger Clown

von Redaktion

Der legendäre Komiker Jerry Lewis ist mit 91 Jahren gestorben – Hinter all den Grimassen steckte auch ein Getriebener

Von Zoran Gojic

Wie alle wirklich begnadeten Komiker hat Jerry Lewis große traurige Kinderaugen. In ihnen ist die leise Verzweiflung zu entdecken, nicht dazuzugehören. Ein kleiner Junge, der geliebt werden möchte und nicht recht weiß, wie man das hinbekommt.

Schon in seinen ersten Filmen hat der blutjunge Lewis das Image des zappeligen Unglücksraben mit dem guten Herzen perfektioniert. Mit 23 taucht er das erste Mal auf einer Leinwand auf, kurz darauf gilt er zusammen mit seinem kongenialen Partner Dean Martin als Sensation – die beiden sind das erfolgreichste Leinwandduo der Fünfziger Jahre. Lewis‘ extravagante Mimik, die einzigartig quäkende Stimme, die artistische Slapstick-Akrobatik machen ihn sofort zum Star. Auch weil sich das alles so perfekt mit der entspannten Lässigkeit von Dean Martin ergänzt.

Doch dieser Überraschungserfolg kommt natürlich nicht über Nacht. Lewis, 1926 als Joseph Levitch in New Jersey geboren, wächst in einer Showfamilie auf. Der Sohn jüdischer Einwanderer aus Osteuropa steht schon als Kind auf der Bühne, man tingelt durch den sogenannten „Borscht-Belt“ rund um New York. Singen, Tanzen, Faxen machen, das lernt Lewis schon in jungen Jahren, es ist in seiner DNA. Beim Tingeln läuft er ab und an dem Italoamerikaner Dean Martin über den Weg. Bei improvisierten Duetten wird schnell klar: Martin und Lewis – die beiden passen wie die Faust aufs Auge.

Der immense Erfolg kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der lässige Bonvivant Martin und der privat eher miesepetrige Perfektionist Lewis immer öfter aneinander geraten. Lewis, der besessen an Details feilt und in 24 Bildern pro Sekunde denkt, kann die lässige Anarchie von Martin nicht mehr ertragen. Vielleicht ist auch Eifersucht im Spiel, Lewis hält sich nicht zu Unrecht für die treibende Kraft des Duos, während Martin die Herzen und die Damen zufliegen. Nach längerer privater Eiszeit ist auch beruflich Schluss, Lewis treibt manisch seine Solokarriere voran. Er will totale Kontrolle. Buch, Regie, Hauptrolle – all das. Und er triumphiert.

„Der verrückte Professor“ wird 1963 ein Welterfolg, selbst Charlie Chaplin bezeichnet ihn als Genie. Aber Lewis wird ein Getriebener, der sich in seinem Perfektionismus verliert. Seine Ehe scheitert, er wird süchtig nach Medikamenten, Nikotin und Alkohol. Der Druck, komisch sein zu müssen, wird übermächtig und treibt ihn in die Depression. Und dass ihn die Kritik nicht ernst nimmt, macht ihm zu schaffen. Anfang der Siebziger will er mit einem großen Wurf allen zeigen, was er kann. Im KZ-Drama „Am Tag als der Clown weinte“ spielt er einen Komiker, der Kinder auf dem Weg in die Gaskammer zum Lachen bringen will. Die Dreharbeiten entwickeln sich zum Albtraum. Die akkurat rekonstruierte Todesfabrik, die rabenschwarze Geschichte, persönliche Probleme, all das lässt Lewis zusammenbrechen.

Der Film kommt nie in die Kinos, Lewis wirkt danach wie gelähmt. Erst spät wird er mit ernsten Rollen in „King of Comedy“ (1982) und „Arizona Dream“ (1993) die Anerkennung ernten, die er verdient. Als er gesundheitlich schwer angeschlagen nicht mehr drehen kann, huldigen ihm dann plötzlich alle. Lewis nimmt es mürrisch zur Kenntnis und macht zögerlich seinen Frieden damit. Im hohen Alter kann er sich dann doch noch aufrichtig freuen über die Zuneigung und den Respekt, die man ihm entgegen bringt.

Nun ist Jerry Lewis im Alter von 91 Jahren in Las Vegas gestorben. Und das hoffentlich als ein glücklicher Mann, der verstanden hat, dass wir ihn immer schon geliebt haben.

Artikel 1 von 11