50 Jahre Farbiges TV

Bunte Fernsehrepublik Deutschland

von Redaktion

Von Maximilian Heim Und Stefan Sessler

München – Am Freitagabend reist Carolin Reiber ein halbes Jahrhundert in die Vergangenheit. Die 76-Jährige, bekannt aus Sendungen wie „Jetzt red i“, schlüpft dafür in ihre Paraderolle als Ansagerin und Moderatorin. Der Anlass könnte feierlicher kaum sein: Das Farbfernsehen feiert 50. Geburtstag. Reiber führt durch die Themennacht, die der Bayerische Rundfunk der vielleicht wichtigsten technischen Veränderung des Fernsehens widmet.

Gedreht wird einige Wochen vorher. Ein BR-Studio in Unterföhring bei München. Reiber schwebt aus der Maske, das Make-up passt, das Outfit auch, es kann losgehen. Erste Sequenz: ein kleines Gespräch mit Kameramann Luy Briechle. Beide, Reiber und Briechle, haben damals die Umstellung miterlebt. „Da stellten sich ganz neue Fragen“, erinnert sich Reiber. „Welcher Lidschatten? Welcher Lippenstift? Und überhaupt: Passt das alles zum Kleid?“

Für Kameramann Briechle änderte sich dagegen nicht allzu viel. „Durch unseren Sucher haben wir die Umgebung zunächst weiter in schwarz-weiß gesehen“, sagt er. „Den Farbsucher haben wir abgelehnt, das hat nämlich die Augen müde gemacht.“

Auch das ist ein Indiz dafür, dass die Umstellung langsam verläuft. Das Farbfernsehen ist nicht von Anfang an eine Erfolgsgeschichte. Berlin, Internationale Funkausstellung, 25. August 1967. Willy Brandt, damals Vize-Kanzler, gibt den Startschuss. Oder besser: Er soll den Startschuss geben. Denn einige Sekunden bevor er den roten Knopf drückt, stellt der zuständige Techniker das Schwarz-Weiß-Bild auf Farbe um. Frühstart. Oder Fehlstart.

Klar ist: Die bunte Revolution braucht Zeit. Etwa 600 Farbfernsehgeräte gibt es zum Start vor 50 Jahren. Deutschlandweit. Und in den ersten Jahren nach der Einführung ist das Farbfernsehen nicht zuletzt ein teures Vergnügen. Anfangs kosten die Modelle fast halb so viel wie ein günstiger VW-Käfer. Immerhin tragen sie schöne Namen wie „Neckermann Weltblick“. Den gibt es heute übrigens gebraucht für 30 Euro. Aus dem einst modernsten TV-Gerät ist Stoff für Nostalgiker geworden.

Zurück in die späten 1960er-Jahre. Wenige Tage nach ARD und ZDF läutet auch der Bayerische Rundfunk das neue Zeitalter ein. Die erste in Farbe ausgestrahlte Sendung ist die Rate-Show „Was bin ich?“, gesendet ebenfalls von der Funkausstellung in Berlin. Moderator Robert Lembke begrüßt mit den Worten: „Dieses Mal senden wir in Farbe – ein einmaliger Exzess. Schon bei der nächsten Sendung kehren wir reumütig zu Schwarz-Weiß zurück. Der Bayerische Rundfunk hat nämlich noch keine Farbelektronik.“

Das stimmt zwar, ändert sich aber sich im Laufe der Jahre. Nach und nach werden immer mehr Sendungen in Farbe ausgestrahlt. Auch die Zahl der Farbfernseher in den bundesdeutschen Wohnzimmern steigt. Anfang der 1970er-Jahre kaufen die Deutschen jährlich bis zu 1,4 Millionen Stück. Besonders wichtige Kaufanreize sind die Olympischen Spiele 1972 in München – und die im ganzen Land ausgetragene Fußball-Weltmeisterschaft zwei Jahre später. An deren Ende stemmt Kapitän Franz Beckenbauer in Farbe den goldenen WM-Pokal in die Höhe. Zehn Jahre vorher wäre dieser Feiertag für die Zuschauer noch ein graues Vergnügen gewesen.

In Europa sind die deutschen Sender die Vorreiter in Sachen Farbfernsehen. Anders sieht es weltweit aus. In den USA oder in Japan schauen die Menschen schon seit Ende der 1950er-Jahre meistens auf bunte Bildschirme. Die DDR dagegen, der Bundesrepublik in heftiger Konkurrenz verbunden, legt erst zwei Jahre nach ARD und ZDF den Hebel um. Kosten für das Gerät: 300 Ostmark, inklusive Einbau.

Das Senderangebot entwickelt sich stetig fort. Mitte der 1980er-Jahre startet der kommerzielle Sender RTL Plus. Mit knallbunten Shows wie „Tutti Frutti“ zieht das Privatfernsehen in die westdeutschen Wohnzimmer ein. Anfang der Neunziger-Jahre geht dann der Bezahlsender Premiere auf Sendung.

Auch technisch gibt es große Sprünge: Auf das analoge Fernsehen folgt später das digitale. Dank DVB-T können die Zuschauer deutlich mehr Programme über die Antenne empfangen. Große Auswahl und Programm rund um die Uhr statt eine Handvoll Sender und Testbild. Auch die Qualität wird zunehmend besser. Statt der anfänglichen stark kolorierten Bilder gibt es die hochauflösende HD-Technik mit natürlichen Farbkontrasten.

Heute steht das klassische Fernsehen in Deutschland vor Herausforderungen, gegen die der Wechsel der Ausstrahlungsfarben ziemlich überschaubar daher kommt. Besonders unter jungen Leuten haben die öffentlich-rechtlichen Sender wenig Fans. Der typische Fernsehzuschauer ist laut BR-Angaben 53 Jahre alt. Doch auch wenn das junge Publikum eher auf Streamingdienste wie Netflix oder Amazon zurückgreift, Fernseher werden auch in Zeiten von Smartphones und Tablets ordentlich gekauft: Laut der Gesellschaft zur Förderung der Unterhaltungselektronik (gfu) wurden im vergangenen Jahr 6,9 Millionen Fernseher verkauft, 0,9 Prozent weniger als im Jahr zuvor. So sind die bunten Bewegtbilder 50 Jahre nach dem Start des Farbfernsehens nicht aus dem Alltag der Deutschen wegzudenken – im Gegenteil. Seit dem Jahr 2000 stieg die durchschnittliche TV-Sehdauer laut Branchenverband VPRT von 190 auf 223 Minuten pro Tag.

Zurück in Unterföhring. Der Drehtag ist zu Ende. Carolin Reiber muss weiter nach Freimann, wo die anderen Einstellungen aufgezeichnet werden. Zum Abschied hat sie noch eine schöne Anekdote aus der Zeit, als das Fernsehen bunt wurde. „Einmal hatte ich einen Häkel-Pulli an – und etliche Zuschauer fragten telefonisch an, wo der her sei. Also habe ich ihnen ausrichten lassen: Ludwig Beck, Marienplatz, München. Ein paar Tage später war der Pulli dann ausverkauft.“

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