Über weiße Klebefolien am Boden geht es in Bern in die eigens gebaute Gurlitt-Werkstatt. Hier werden Kunstwerke restauriert: Zeichnungen, Gouachen, Holzschnitte, Werke von Liebermann, Dix, Macke und anderen, die die Nazis einst als „entartete Kunst“ brandmarkten und aus Galerien und Museen räumen ließen. Mit den Klebefolien soll der Schmutz an den Schuhen der Besucher ferngehalten werden. Vertrackter ist die Arbeit mit dem Schimmel, der teils in Papier und Passepartouts eingedrungen ist. Restauratorinnen sind oft mit Schutzanzügen und Masken am Werk.
„Die Bilder wurden nicht gut gelagert, es gibt eine starke Oberflächenverschmutzung und viele eingerissene Ecken und Kanten“, sagt Restauratorin Dorothea Spitza. Zu ihrem Werkzeug gehören winzige Düsen, um Oberflächen schonend abzusaugen, Wattestäbchen für Lösungsmittel, Skalpelle zum Abtragen etwa von Kleberückständen. Besucher können den Restauratorinnen durch ein Fenster zuschauen oder an Führungen durch die Werkstatt teilnehmen. Dort werden zunächst die rund 200 Werke unter die Lupe genommen, die ab November ausgestellt werden, unter dem Thema: „Entartete Kunst“.
Das Kunstmuseum hat ein schweres Erbe angetreten. Die Werke stammen aus der Sammlung von Cornelius Gurlitt, Sohn eines der Kunsthändler von Adolf Hitler, Hildebrand Gurlitt. Dass der Münchner Cornelius Gurlitt das Kunstmuseum vor seinem Tod 2014 als Erbe einsetzte, war eine Überraschung. „Die Sammlung kommt mit einer großen Verantwortung“, sagt die Direktorin des Museums. Dazu gehört etwa aufzuklären, woher die Werke stammen. Raubkunst ist es nicht, wie Experten recherchiert haben, vielmehr Werke, die die Nazis als „undeutsch“ aus Museen entfernt hatten und verscherbeln ließen. Dafür war die Schweiz ein Umschlagplatz.
Der Galerist Theodor Fischer spielte eine zentrale Rolle. Er war mit Hildebrand Gurlitt befreundet und hatte in Luzern das größte Auktionshaus der Schweiz. Am 30. Juni 1939 bot er im Grand Hotel National 125 der 20 000 konfiszierten Werke zum Verkauf an. Ob die Schweiz zu Recht in die „anrüchige Nähe eines profitierenden Schiebers von Raubgütern“ gerückt wurde, untersuchte eine Schweizer „Experten-Kommission 2. Weltkrieg“. 2002 hielt sie fest: „Bezüglich des Handels mit ,entarteter Kunst‘ zeigt die Studie deutlich, dass die Auktion der Galerie Fischer 1939 in Luzern zu einer engeren Verflechtung des schweizerischen Kunstmarktes mit NS-Deutschland beitrug.“ Die Auktion habe dem „Dritten Reich“ eine halbe Million Schweizer Franken an Devisen zugeführt. Und: „Die Schweiz war Umschlagplatz für Raubgut und Fluchtgut aus NS-Deutschland und den besetzten Gebieten.“ „Oft wird die Geschichte der ,entarteten Kunst‘ rein aus deutscher Perspektive erzählt, deshalb ist der Blick aus der Schweiz auf das Thema sehr wichtig“, sagt Zimmer. Das Kunstmuseum forscht mit diesem Erbe nun besonders intensiv dazu. Christiane Oelrich