Daumen hoch vom Sünder

von Redaktion

Die Videobeweis-Premiere läuft nah an der Perfektion, doch tags darauf moniert die DFL „nicht hinnehmbare“ Defizite

VON ANDREAS WERNER

München – Nach den Spielen des FC Bayern sind die Laufwege der beiden Teams klar festgelegt. Von den Kabinen raus in den Feierabend läuft die Route folgendermaßen: Über links schleichen die Verlierer (meist die Gegner) davon, die rechte Flanke gehört den Profis des FC Bayern, in der Regel sind das die Gewinner. Am Freitagabend entschied sich Tobias Stieler für die Seite der Leverkusener. Für die Schiedsrichter sieht der Ablaufplan keinen bestimmten Abgang vor; doch er hätte ruhig den Münchner Weg wählen können. Denn auch der Unparteiische zählte am Freitag zu den Gewinnern – trotz Neutralität, freilich.

Stieler, 36, strahlte nach der historischen Premiere als erster Bundesligaschiedsrichter, der ein Spiel mit Hilfe eines Videoassistenten leiten durfte. Tags darauf sollte die Technik in drei Stadien streiken, die DFL monierte „nicht hinnehmbare“ Defizite und bestellte Dienstleiter Hawk-eye für Montag zum Rapport – doch beim Auftakt in München konnte Stieler zurecht feststellen, dass alles „nah an der Perfektion“ gelaufen war.

Während sich Stieler zuvor schon bei der einen oder anderen Verwarnung rückversichert hatte, bei der ein Platzverweis in der Luft lag („das kriegen die Leute ja gar nicht mit“), griff das Zusammenspiel mit dem Videoassistenten in Köln nach 52 Minuten erstmals für alle offensichtlich – und nach Lehrbuch. Im Rücken des Unparteiischen wurde Robert Lewandowski von Charles Aranguiz im Strafraum gefoult. Vom Gefühl her habe Stieler sich gedacht, da könne ein Strafstoß fällig sein – „aber bei Elfmeter brauche ich 100 Prozent Sicherheit“. Er nahm Kontakt mit Jochen Drees in Köln auf, „es ging rasend schnell – Strafstoß“.

Ob er sich die Premiere lieber erspart hätte? „Nein, ich bin froh, dass es diese Möglichkeit gibt“, sagte Stieler, „ohne Videobeweis hätte ich die Szene 30 Minuten in meinem Kopf mitgetragen und hätte später in der Kabine erfahren, dass ich einen Elfmeter übersehen habe“. Das sind „genau die Szenen, in denen der Video-Assistent hilft, den Fußball gerechter zu machen. Wir Schiedsrichter wissen ja, wir sind nicht perfekt – wenn also unsere Fehler wie in dieser Szene korrigiert werden, ist das doch wunderbar.“

Auch die Spieler reagierten laut Stieler gut. Aranguiz habe ihm nach seiner Korrektur auf Elfmeter „Daumen hoch gezeigt“, verriet der Schiedsrichter, „der Spieler weiß ja, was er gemacht hat“. Generell erwartet Stieler weniger Diskussionen mit den Profis, da ja jede knifflige Situation geprüft wird. „Ich denke außerdem, dass wir in Zukunft weniger Schwalben am 16er sehen werden.“ Die halten einer Analyse am Monitor kaum stand, da kann man noch so geschickt purzeln. Und wenn gar der Sünder den Daumen nach oben reckt – was will man mehr? Vorausgesetzt, die Technik funktioniert.

Bei Hoffenheim gegen Bremen und Hertha gegen Stuttgart konnte erst ab der Pause mit dem Videobeweis gearbeitet werden, bei der Partie Hamburger SV gegen den FC Augsburg fiel das technische Hilfsmittel ganz aus. Zudem stand bei keinem Spiel die zur Unterstützung der Abseitsentscheidungen vorgesehene kalibrierte Hilfslinie zur Verfügung. Die TV-Sender mussten sich mit ihren eigenen Konstruktionen behelfen. Es wird noch dauern, bis alle Mechanismen greifen.

Die Zuseher der Konferenz auf „Sky“ müssen sich unterdessen auf einen neuen Ausruf einstellen: „Videobeweis im Stadion XY!“ Und im „Aktuellen Sportstudio“ lautete ein Kommentar so: „Schiedsrichter Felix Zwayer entscheidet allein – und richtig.“ Eines ist klar: Läuft alles wie beim Auftakt in München, zählen die Unparteiischen bald öfter als früher zu den Gewinnern.

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