Eine Mauer, hinter der noch niemand lebt

von Redaktion

Neuperlach: Erst im Oktober sollen minderjährige Flüchtlinge an der Nailastraße einziehen, bis dahin wird das umstrittene Bauwerk bewacht

Die vier Meter hohe Mauer vor der Flüchtlingsunterkunft an der Nailastraße in Neuperlach hatte Ende vergangenen Jahres hohe Wellen geschlagen. Die Wogen haben sich inzwischen wieder geglättet. Aber die Flüchtlingsunterkunft, vor deren Lärm der Bau eigentlich schützen sollte, steht noch immer leer. Weil die Mauer immer wieder beschmiert wird, muss sie nun selbst geschützt werden.

Unbekannte sprühten Statements wie „Build bridges not walls“ – „Baut Brücken, keine Mauern“ oder „Walls create strangers“ – „Mauern erzeugen Fremde“ in Großbuchstaben auf die Mauer. Weil eine Entfernung der Schriftzüge nicht nur Geld kostet, sondern, so glaubt das Sozialreferat, auch neue Beschriftungen nach sich ziehen würde, lässt man die Schmierereien stehen. Der Stadtrat stellte die Mauer im Mai unter Objektschutz. Seitdem kontrolliert ein privater Sicherheitsdienst den Schutzwall mehrmals täglich. Kosten der Überwachung: laut Beschluss rund 1600 Euro monatlich. Bis September soll die Maßnahme noch dauern. Denn Anfang Oktober sollen dann endlich Flüchtlinge in das Gebäude hinter der Mauer einziehen

200 000 Euro hat der Bau der Mauer gekostet, den die Stadt als Kompromiss mit sieben Anwohnern des angrenzenden Wohngebiets beschlossen hatte. Wie berichtet, hatten die Anwohner die Lärmschutzmauer gerichtlich erstritten. Dank der Mauer sollten die Bewohner der Unterkunft auf dem Sportplatz spielen und die Anwohner im Garten entspannen können. Eine Win-win-Situation – so die Theorie.

Doch als der Lokalpolitiker Guido Bucholtz (parteilos) Anfang November 2016 ein Drohnen-Video vom Mauerbau veröffentlichte und gar einen Vergleich mit der Berliner Mauer machte, stand der Schutzwall plötzlich in den Schlagzeilen – national und international.

Kritiker sehen in der Mauer einen Grenzwall zwischen Flüchtlingen und der Gesellschaft, in die sie eigentlich integriert werden sollen. Die Grünen-Fraktion im Stadtrat beantragte wegen ihres „abschottenden Charakters“ den Abriss der Mauer. Sie schade dem Ruf Münchens. Das Referat für Stadtplanung und Bauordnung lehnte ab, es sei nur eine Lärmschutzmauer, so die Begründung.

„Alles, was schieflaufen konnte, ist hier schiefgelaufen“, sagt Guido Bucholtz. Der Lokalpolitiker ist seit 24 Jahren im Perlacher Bezirksausschuss und zuständig für Flüchtlingsangelegenheiten, Wohnen und Unterkünfte. Heute bereut er den Berliner-Mauer-Vergleich. „Das war unglücklich, das habe ich auch aus dem Video geschnitten.“ Bei seiner Ansicht ist er aber geblieben: „Die Mauer war und ist überflüssig.“

Die Anfeindungen gegen die Nachbarschaft, die es damals gab, verurteilt Bucholtz. Das schützt ihn aber nicht davor, zum Sündenbock gemacht zu werden. „Man gab mir die Schuld an den Schmierereien“, berichtet er. Irgendwann wurde der Druck so hoch, dass der Lokalpolitiker seinen Posten als Vizevorsitzender im Bezirksausschuss räumen musste. Mit seinem Video habe er niemandem schaden, sondern nur die Aufmerksamkeit auf etwas lenken wollen, was „nicht korrekt läuft“.

Und die Flüchtlinge? Die sollen bis Anfang Oktober einziehen, heißt es vom Sozialreferat. Insgesamt 80 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sollen es sein. Die Mauer soll dann im Rahmen eines Kunstprojekts von den Flüchtlingen bemalt werden. Außerdem will man sie begrünen, damit die Mauer nicht mehr grau, sondern grün ist.

aleksandra Bakmaz/dpa

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