Es war eine Sensation: Im November 2013 wurde bekannt, dass in einer Münchner Wohnung über 1200 Kunstwerke beschlagnahmt worden waren – der „Schwabinger Kunstfund“ von Cornelius Gurlitt. Ab November zeigen das Kunstmuseum Bern und die Bonner Bundeskunsthalle Ausstellungen zu dem Fall. Der Intendant der Bundeskunsthalle Rein Wolfs (Jahrgang 1960) erzählt, wie es dazu kam.
-Nach der Aufregung um den Kunstfund ist es in der Öffentlichkeit stiller geworden. Warum stehen die Präsentationen gerade jetzt an?
Wir hätten die Ausstellungen bereits im vergangenen Jahr zeigen wollen. Damals ging es aber noch nicht wegen des Rechtsverfahrens in Bezug auf das Erbe. Das Verfahren wurde im Dezember abgeschlossen und damit der Weg für die Ausstellung frei.
-Das Kunstmuseum Bern zeigt als Erbe der Gurlitt-Sammlung nur einen Teil. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Bonn?
Wir sind eine Bundeseinrichtung und insofern nah an der Regierung. Wir sind die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland und ein Haus ohne Sammlung. Das ist bei dieser Schau von Vorteil: Es spielt nichts mit hinein, was uns vielleicht einmal gehört haben könnte.
-Ist geplant, die Expositionen noch andernorts anzubieten?
Wir werden sie im kommenden September als Zusammenschnitt der beiden Ausstellungen im Berliner Martin-Gropius-Bau zeigen. Dann wird es wohl auch einige neue Ergebnisse geben, sodass die Bestandsaufnahme in Bonn und Bern fortgesetzt wird. Wir haben bewusst diesen Titel „Bestandsaufnahme“ gewählt, um klar zu machen, dass es eine Momentaufnahme der Forschung ist. Unsere Präsentation wird später im Kunstmuseum Bern zu sehen sein. Und wir planen unsererseits, einen Teil der Berner Ausstellung in Bonn zu zeigen. Möglicherweise kommt die Berliner Schau noch ins Ausland.
– Es geht um den aktuellen Forschungsstand.
Die Forschung wird im Deutschen Zentrum Kulturgutverluste betrieben. Dort ist das Projekt „Provenienzrecherche Gurlitt“ angesiedelt. Seit die „Taskforce Schwabinger Kunstfund“ ihre Arbeit beendet hat, ist das Zentrum in Magdeburg zuständig. Da wird weiter zu den offenen Fragen zur Herkunft geforscht, und es tauchen immer wieder neue Ergebnisse hinsichtlich möglicher Ansprüche von Nachkommen auf. Ebenso kann es sein, dass ein Verdachtsfall keiner mehr ist, also dass ein Kunstwerk „sauber“ seinen Weg in die Sammlung von Hildebrand Gurlitt, Vater von Cornelius und Kunsthändler unter den Nazis, gefunden hat.
-Zuletzt wurde das Gemälde „La Seine, vue du Pont-Neuf, au fond le Louvre“ von Camille Pissarro restituiert, also den Erben zurückgegeben. Werden restituierte Werke aus der Gurlitt-Sammlung in Bonn oder Bern zu sehen sein?
Ja, in Bonn wird Adolph von Menzels Zeichnung „Inneres einer gotischen Kirche“ gezeigt. Bei uns steht Raubkunst und alles, was damit zu tun haben könnte, im Zentrum. Wir bieten insgesamt etwa 250 Exponate. Das sind Werke aus dem „Kunstfund Gurlitt“, aber auch Fremdleihgaben, die mit dem Kunsthändler Hildebrand Gurlitt verschiedentlich in Zusammenhang stehen und Aufschluss über den konzertierten Kunstraub der Nationalsozialisten liefern. Aus dem „Kunstfund Gurlitt“ haben wir hauptsächlich Werke, bei denen nicht auszuschließen ist, dass an ihnen Raubkunstverdacht klebt. Wir präsentieren aber auch anderes aus dem Kunstfund, um die vielschichtige Gemengelage klarzumachen.
-Im Bonner Teil soll der strategisch organisierte NS-Kunstraub beleuchtet werden.
Es gab die staatlich organisierte Aktion „Entartete Kunst“, bei der Museen ihrer Werke beraubt wurden. Wir haben darüber hinaus den groß angelegten Kunstraub, bei dem Privatpersonen und Museen in den von Deutschland besetzten Gebieten, vornehmlich in Frankreich, bestohlen wurden. Wir werden anhand einzelner Werke und außerdem mit Texten, Fotos sowie Archivalien belegen, wie die Raubzüge vonstattengegangen sind.
-Sie sprachen von Bestandsaufnahmen. Es könnte also sein, dass die geplanten Ausstellungen jeweils unterschiedlich aussehen, je nach dem Stand der Forschung.
Es kann sein, dass sich Kapitel ändern und dass beispielsweise aufgrund neuer Ergebnisse Texte umgeschrieben werden müssen. Es kann auch sein, dass einzelne Werke anderen Kategorien zugeordnet werden: Das, was jetzt als möglicher Raubkunstfall gesehen wird, kann sich als unbelastet herausstellen.
-Wo steht Deutschland allgemein bei Provenienzforschung und Restitution?
Ich denke, dass der Fall Gurlitt klar beweist, dass man lange zu wenig getan hat, dass nun vieles schneller vorangeht und Deutschland wichtige Schritte gemacht hat. In der Schweiz hat sich ebenfalls viel geändert. Auch in anderen Ländern merkt man, dass Provenienzrecherche einen höheren Stellenwert einnimmt.
Das Gespräch führte Leticia Witte.