Nur einer tanzt im Regen

von Redaktion

Während die eigene Abwehrschwäche fast alle Bayern beunruhigt, bleibt Salihamidzic bester Laune

von hanna raif

München – Wer am Freitagabend nicht gleich nach Abpfiff ins Trockene geflüchtet ist, sondern seinen Blick noch für einen kleinen Moment auf das unter Wasser stehende Spielfeld der Allianz Arena gerichtet hat, der wurde belohnt. Denn da unten im Starkregen tanzte ein Regenschirm. Allein wegen der Farben war er in diesem trüben Sichtfeld ein Blickfang, rot, weiß und blau hoben sich vom Grün des Rasens bestens ab. Aber er bewegte sich auch so, dass man mit seinen Augen nicht mehr von ihm ablassen konnte. Er ging im Kreis, nach rechts, nach links, zwischendurch lange geradeaus, manchmal blieb er stehen, drehte sich auf der Stelle. Und während um ihm herum lauter begossene Pudel schnellen Schrittes in Richtung Katakomben stapften, blieb der Mann unter diesem mit Bayern-Logo bedruckten Schirm knochentrocken.

Hasan Salihamidzic hatte auf dem Rasen den Schutz seines FC Bayern genossen, und als er – bekleidet mit unversehrten weißen Hemd – nach dem 3:1 gegen Bayer Leverkusen vor die Medien trat, wollte er diesen scheinbar zurückgeben. „Es läuft nach Plan“, ließ der Sportdirektor verlauten, während er hinter seinem Rücken unaufhörlich auf seinem Kugelschreiber klickte. Mine raus, Mine rein, allzeit bereit zu arbeiten, gewappnet, seinen Verein gegen alles und jeden zu verteidigen. Defizite? „Was die positiven Dinge sind, wollen wir doch hören“, konterte er. Man sei mit einem Sieg in die Bundesliga-Saison gestartet, das sei das Wichtigste. „Und ich finde es nicht gut, dass ihr negativ draufhaut.“

Draufgehauen hatte bis dato – außer TV-Experte Oliver Kahn, der sich „nicht erinnern“ konnte, „wann die Bayern zuletzt so viel Chancen zugelassen haben“ – kaum jemand. Wie aber schon beim desaströsen Auftritt im Audi Cup hatten Spieler und Trainer selbst die Finger in die Wunde gelegt, während der Sportdirektor die Welt unverändert in rot und weiß sah. „Wir hatten Glück, dass Leverkusen nicht näher herangekommen ist“, hatte etwa Thomas Müller festgestellt. Und auch Trainer Carlo Ancelotti stimmte zu, dass „wir nicht gut verteidigt haben“.

19 Torschüsse wies die Statistik für Leverkusen aus, sechs mehr als für die Bayern, so viele wie seit mehr als einem Jahr für kein Gastteam mehr in der Allianz Arena. „Da kann es natürlich schnell anders gehen“, sagte Niklas Süle. Der Neuzugang hatte die Bayern mit dem Führungstreffer auf Kurs gebracht, war später aber einer jener Abwehrmänner, denen die Bälle um die Ohren flogen.

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Brazzo und dem Rest der Welt. Der Sieg zum Auftakt ging in Ordnung, weil die Bayern souveräne 45 Minuten ablieferten und vor allem die Neuzugänge bei ihrer Premiere zur Stelle waren. Weil die Lücken in den eigenen Reihen aber stetig größer wurden und Ancelottis Elf sich im eigenen Stadion hinten rein drücken ließ, „schweben wir jetzt nicht im siebten Himmel“ (Müller). 51 Prozent Ballbesitz waren der geringste Liga-Wert seit über zwei Jahren. Ancelotti ärgerte aber vielmehr die Defensive: „Wir müssen besser verteidigen – und zwar schnell.“

Während neutrale Beobachter nach den frühen Toren durch Süle und Corentin Tolisso sowie dem 3:0 durch Robert Lewandowski die Meisterschaft schon abgehakt hatten, bevor die Saison richtig losgegangen war, machten die Schwächen der Bayern dem Rest der Liga plötzlich doch etwas Hoffnung. „Wir wissen, dass jeder will, dass wir schlechter spielen und Punkte liegen lassen“, sagte Lewandowski. Weil das am Freitag der Fall war, äußerte Leverkusens Torschütze Admir Mehmedi recht unverblümt: „Uns kotzt es an, dass wir nichts mitgenommen haben.“

Natürlich, an der „Leistungsgrenze“, sagte Süle, sei man bisher nicht, „aber es ist ja nicht schlecht, wenn es noch Luft nach oben gibt“. Die gibt es, reichlich, oder? „Ein paar Dinge kann man verbessern“, räumte Salihamidzic widerwillig ein.

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