Gelsenkirchen – Domenico Tedesco redete beschwörend auf seine Mannschaft ein, sein Kopf lief rot an, sein rechter Zeigefinger zeigte Richtung Rasen. „Hier“, bedeutete Tedesco den Spielern von Schalke 04 sofort nach dem Abpfiff im Mittelkreis, „gewinnt so schnell niemand mehr!“ Dass es überdies keinen Knatsch mit dem abgesägten Ex-Kapitän Benedikt Höwedes gab, war für den neuen Trainer ähnlich wertvoll wie das 2:0 (1:0) zum Saisonstart gegen RB Leipzig.
Als Höwedes nach 90 Minuten auf der Ersatzbank von der Fankurve gefeiert wurde, hielt Tedesco respektvoll Abstand. Anschließend wies er dem beliebten Weltmeister psychologisch geschickt einen Anteil am Erfolg zu. „Er hat die Mannschaft gepusht, eine Ansprache in der Kabine gehalten, das war weltklasse“, lobte Tedesco – auch wenn der neue Kapitän Ralf Fährmann an derlei magisches Geschehen keine Erinnerung hatte. Einige Spieler hätten vielleicht noch mal „kurz eingepeitscht“. Aber: Aus wie vielen Worten eine „Ansprache“ zu bestehen hat, ist ja auch nicht exakt definiert.
Höwedes jedenfalls verhielt sich vorbildlich. Er jubelte bei den Toren von Nabil Bentaleb (44., Foulelfmeter) und Jewgeni Konopljanka (73.) – und er lief sich in der zweiten Halbzeit für einen Einsatz warm, den er nicht mehr bekam. Nur sprechen wollte er nicht: Er verabschiedete sich kurz angebunden mit einem „Ciao“.
Tedesco, 31 und zweitjüngster Bundesliga-Trainer, war hingegen zum Reden aufgelegt. „Er ist ein ganz wichtiger Baustein für uns, wenn er wieder 100 Prozent fit wird“, sagte er über Höwedes. Allerdings gibt es kaum Grund, nächsten Sonntag in Hannover wieder zu wechseln: Vertreter Thilo Kehrer war bester Mann auf dem Platz.
Tedesco war Motivator, Antreiber, 90 Minuten lang in der Coachingzone unterwegs und taktisch auf der Höhe. Bei wem man sich auch umhörte: Die „große soziale Kompetenz“ (Christian Heidel, Leon Goretzka) des neuen Mannes wurde besonders hervorgehoben, was Rückschlüsse auf die Einschätzung jener Fähigkeiten beim entlassenen Vorgänger Markus Weinzierl zulässt.
Tatsächlich schien es in der „Stadt der 1000 Feuer“, wie es im Vereinslied heißt, wieder zu glimmen. Ein verdientes 2:0 gegen den ansehnlich, aber ineffizient kombinierenden Vizemeister könnte sich da als hilfreich erweisen. Drei Punkte nach dem ersten Spiel sind eine Wohltat für alle – in der turbulenten Vorsaison waren es null nach fünf.
„Alles ist stimmig, alles fühlt sich gut an, alles sieht gut aus. Diesmal müssen wir keine Spiele zählen“, sagte Sportvorstand Heidel entsprechend zufrieden. Tedesco lehnte allzu überschwängliches Lob bescheiden ab: „Ich habe nichts gemacht. Es war ein Sieg der Leidenschaft.“
Leise Misstöne gab es nur in der Causa Timo Werner. Der Nationalspieler hat sich mit seiner Schwalbe in der Vorsaison viele Schalker zum Feind gemacht, auch am Samstagabend wurde er wüst beschimpft. Da wunderte es doch sehr, dass bei der Leipziger Aufstellung auf dem Videowürfel nur eine dunkle Silhouette erschien. Es war allerdings keine Strafaktion von Schalker Seite, wie Heidel („Das ärgert mich sehr“) versicherte: Es lag schlicht kein offizielles Foto von Timo Werner vor. Anscheinend hatte Werner den Medientag der DFL versäumt. sid