Man wird sich noch in vielen Jahren von diesem 21. August 2017 erzählen, denn um exakt 23.41 Uhr passiert Unglaubliches: Der Alleskommentierer Jens Spahn ist sprachlos. Gerade ist ihm aus den hirnlosen Weiten des Internets die Frage entgegengeschlagen, wann er zum letzten Mal etwas zum ersten Mal getan habe. 15 Sekunden hat der CDU-Politiker für die Antwort Zeit. Die Augen werden groß, er ringt ob der Ballaballahaftigkeit der Frage um Worte. Ähm, grübel, hahaha. Vorbei.
Es ist nicht der erste Moment, in dem man sich fragt, was die ARD ihren Zuschauern da eigentlich anbietet. Die Sendung „Überzeugt uns! Der Politikercheck“ ist als Informationsangebot für die angeblich so orientierungslosen Wähler unter 30 gedacht. Sicher gut gemeint. Aber die 90-minütige Polit-Show missrät in jeder Hinsicht.
Das liegt einerseits am völlig überfrachteten und konfusen Konzept. Sieben nicht ganz unbedeutende Politiker werden zu gefühlt 835 teils komplexen Themen befragt – von der Wohnungsnot in Großstädten bis zur Vollverschleierung; von Englisch sprechenden Kellnern in Berliner Szenebars bis zur Integration von Flüchtlingen. Die Fragen stammen von den Moderatoren oder von Zuschauern aus der Social-Media-Gemeinde. Meist haben die Politiker kaum mehr als zwei Sätze, um eine plausible Antwort zu finden, die – das ist ja das Ziel der Sendung – die U30-Wähler auch noch überzeugt.
SPD-Mann Ralf Stegner kann sich unter diesen Bedingungen zumindest mit der gewohnten Rotzigkeit bewaffnen. Meist sind er und die Kollegen aber gezwungen, Phrasen in der Länge eines Wahlplakat-Spruchs in die Berliner Kulturbrauerei zu werfen. Katja Suding (FDP) kommt so zu der bahnbrechenden These, man müsse „mehr für Bildung tun“. Nicht böse gemeint. Mehr Botschaft ist in zwei Sätzen einfach nicht drin.
Fatalerweise setzt die ARD neben „Tagesthemen“-Mann Ingo Zamperoni, dem so manche Publikumsfrage spürbar unangenehm ist, auch auf die Bloggerin Ronja von Rönne als Moderatorin. Die ist nicht auf den Mund gefallen, was ziemlich bald ziemlich nervt. Statt zu moderieren, gibt sie lieber ihren Senf zu allem und jedem und macht keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen Alexander Gauland. Den AfD-Mann muss man nicht mögen. Aber es sollte sich von selbst verstehen, dass auch er eine faire Behandlung verdient hat. Stattdessen fragt ihn die überdrehte von Rönne, ob er nicht bei einem Flüchtlings-Fußballteam als Rechtsaußen anheuern wolle oder ob er den Sitznachbarn Cem Özdemir (Grüne) für einen Deutschen halte. Das ist maximal unprofessionell. Und schlauer ist hinterher niemand.
Die Sendung ist ein bitterer Fehltritt. Daran ändern auch die weder besonders witzigen noch besonders subversiven Einspieler des Satire-Ensembles Bohemian Browser Ballett nichts, die wohl als Wellenbrecher in der heftigen Reizüberflutung gedacht waren. Man könnte auf den Gedanken kommen, die ARD habe ein gestörtes Verhältnis zur Jugend. Jedenfalls scheinen die Verantwortlichen junge Menschen für grundsätzlich ADHS-geschädigte Kurzbotschaften-Junkies zu halten, deren Aufmerksamkeitsspanne über ein paar wenige Sekunden nicht hinausreicht.
Irgendwann wird es Jens Spahn, der übrigens nicht lange sprachlos bleibt, dann doch zu bunt. „Ihr könnt hier doch nicht tausend Themen in 90 Minuten abhandeln wollen“, sagt er, als die Moderatoren ihn mal wieder am Fertigstellen eines Gedankens hindern. Es hätte niemanden gewundert, hätten die Gäste aus Protest die Sendung verlassen.
Dazu kommt es nicht. Aber als das Malheur passiert ist, kann sich Spahn eine kleine Nachlese nicht verkneifen. „Bin ja noch unentschlossen, ob ,Überzeugt uns!‘ gerade die Parodie auf Journalismus war und die richtige Sendung noch kommt“, schreibt er auf Twitter. Die vielleicht traurigste Botschaft des Abends: Das war sie, die richtige Sendung.