Ihre Lebensjahre zählt Margarete Erben schon lange nicht mehr. Vor 101 Jahren kam sie in Hermannseifen am Fuß des Riesengebirges zur Welt, später ließ sie sich in Heidelberg nieder. Ihr Leben lang kümmerte sie sich um die Kinder ihres Bruders und pflegte ihre Schwester. „Das Goldstück der ganzen Familie“, nennt Großneffe Bernhard Ripperger seine 101 Jahre alte „Tante Gretel“. 100 Jahre oder älter sind laut dem Statistischen Bundesamt in Deutschland 16 500 Menschen. Was sie gemeinsam haben, stellen Forscher im Buch „100! Was die Wissenschaft vom Altern weiß“ vor. Margarete Erben ist eine von den darin vorgestellten Hundertjährigen.
„Altern ist ein komplexer Prozess“, erläutert James Vaupel, Direktor des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock. „Zu ungefähr 25 Prozent können Gene erklären, weshalb manche Menschen 100 werden und andere schon früher sterben.“ Hinweise auf eine genetische Veranlagung für Langlebigkeit haben Forscher von der Universität Süddänemark in Odense gefunden. Sie analysierten die Daten von 20 000 nordeuropäischen Zwillingen. Die Wahrscheinlichkeit, ein sehr hohes Alter zu erreichen, war für die Teilnehmer besonders hoch, wenn ihr eineiiger Zwilling ebenfalls sehr alt wurde. Bei zweieiigen Zwillingen war der Zusammenhang nicht so groß. Diese Beobachtung unterstreicht den genetischen Einfluss auf die Lebenserwartung, da eineiige Zwillinge mehr Gene miteinander teilen als zweieiige.
Zum ähnlichen Ergebnis kam ein Team von der University of California. Es analysierte die Stammbäume von 444 US-Bürgern, die 100 und älter wurden. Deren Brüder hatten eine bis zu 17 Mal größere Wahrscheinlichkeit, ebenfalls die 100 zu erreichen, als andere Amerikaner des jeweiligen Jahrgangs. „Die Suche nach einem einzigen Langlebigkeitsgen ist jedoch wenig erfolgreich“, sagt Vaupel. „Hier spielen hunderte Gene eine Rolle.“ So kenne man zwei Arten des Gens „APOE“ („Apolipoprotein E“), die die Wahrscheinlichkeit für das Erreichen eines hohen Alters beeinflussen. Je nachdem, welche Genvariante ein Mensch trägt, ist die Wahrscheinlichkeit für Alzheimer und kardiovaskuläre Erkrankungen erhöht, was sich auf die Lebenserwartung auswirkt.
Eine weitere mit Langlebigkeit assoziierte Genform konnten Wissenschaftler um Friederike Flachsbart von der Universität Kiel identifizieren, indem sie DNA-Proben von 388 Hundertjährigen mit denen von jüngeren Senioren verglichen. Bei den Hundertjährigen fanden die Forscher auffällig häufig eine bestimmte Form des Gens „FOXO3“.
Wie sich diese Genform auf das Alter auswirkt, ist unklar. „Während Gene einen moderaten Einfluss auf die Lebenserwartung von Menschen haben, spielen jedoch viele andere Faktoren zusammen eine größere Rolle“, sagt Vaupel. Welche das sind, zeigen Untersuchungen an den ältesten Menschen der Welt in Japan. Von den 127 Millionen Menschen dort sind 65 000 mindestens 100 Jahre alt. Die Präfektur Okinawa zählt weltweit zu den Regionen mit der höchsten Lebenserwartung, obwohl sie die ärmste Japans ist. Seit 40 Jahren werden die Greise regelmäßig untersucht.
Auswertungen zeigen, dass ihre Langlebigkeit vor allem auf besondere Ernährung, regelmäßige Bewegung, moderaten Alkoholkonsum und soziale Eingebundenheit zurückgeht. Ihre Mahlzeiten bestehen aus kalorienarmer Kost mit hoher Nährstoffdichte. Sie essen fast ein Kilo Gemüse pro Tag, dazu Sojabohnen, Obst, frischen Fisch und fettarmes Fleisch. Außerdem bewegen sich die meisten Bewohner Okinawas regelmäßig an der frischen Luft, kaum einer von ihnen raucht. Eines fällt jedoch auf: Die meisten Greise sind Frauen.
Dies kann man auch in Deutschland beobachten, hier sind 85 Prozent der mindestens Hundertjährigen weiblich. Die Lebenserwartung von Frauen liegt mit 83,4 Jahren fünf Jahre über der von Männern. „Es gibt durchaus biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die dieses Phänomen begründen“, erklärt Vaupel.
Aber erst die unterschiedlichen Verhaltensweisen von Männern und Frauen machten den Unterschied so groß. Bis zu 60 Prozent der Unterschiede in der Lebenserwar-tung von Männern und Frauen können laut einer Studie aus Großbritannien darauf zurückgeführt werden, dass Männer häufiger rauchen und mehr Alkohol trinken.
Einen weiteren Erklärungsansatz bietet die Großmutter-Hypothese: Sie erklärt, warum Frauen nach der Menopause noch viele Jahre leben, während die meisten anderen Säugetiere nach Erreichen der Unfruchtbarkeit sterben. Forscher vermuten, dass dies daran liegt, dass Frauen sich im Alter häufig um Enkel kümmern. Zudem halte die Betreuung der Enkel die körperliche Fitness der Omas aufrecht, weshalb sie länger gesund blieben.
Dies haben Psychologen um Ralph Hertwig, Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, untersucht. Seit dem Jahr 1990 wurden bei über 500 Senioren Intelligenz, Gesundheit und Persönlichkeit alle zwei Jahre getestet. Außerdem sollten sie Fragen zu ihrem Sozialleben beantworten, etwa wie viel Zeit sie mit ihren Enkeln verbringen oder ob sie sich um andere Mitmenschen kümmern. Hertwig und Kollegen stellten fest: Jene Teilnehmer, die regelmäßig Zeit mit Enkeln verbracht hatten, lebten länger. Aber auch kinderlose Erwachsene können im hohen Alter davon profitieren, sich um andere zu kümmern. Halfen die Untersuchten in einem sozialen Netzwerk Bekannten regelmäßig, lebten sie ebenfalls länger.
Wichtig sei aber, dass die Fürsorge nicht zur Last werde. „Wenn Großeltern die Hauptlast der Verantwortung für ihre Enkel zu schultern haben, dann ist das nicht mehr Stimulanz, sondern Stress“, erklärt Hertwig.
Wenn nun alle Bedingungen erfüllt sind – gute Gene, gesunde Ernährung, soziale Eingebundenheit – wie alt kann ein Mensch dann maximal werden? „Das ist schwierig zu beantworten“, sagt Vaupel. Das höchste Alter, das je dokumentiert wurde, erreichte die Französin Jeanne Calment, die 1997 im Alter von 122 Jahren starb. „Wir beobachten, dass die Zahl der Menschen, die 100 oder gar 110 werden, sich alle sieben bis acht Jahre weltweit verdoppelt“, sagt Vaupel.
Margarete Erben ist davon mit ihren 101 Jahren noch etwas entfernt. Aber sie ist zufrieden. Frühstück, Mittagessen – so schlecht könne es ihr also nicht gehen. Große Wünsche habe sie nicht mehr. Gereist wäre sie gerne noch mehr. „Mei, ich wollte doch die Welt erobern“, sagt die 101-Jährige.