Ein Verrückter mehr oder weniger auf der Weltbühne: Das ist nichts, was der kühlen Pragmatikerin im Kanzleramt und ihrem Außenminister unter normalen Umständen Kopfzerbrechen bereiten müsste. Leider ist im Fall Erdogan nichts mehr normal: Der türkische Präsident hat die letzten Fesseln eines einigermaßen diplomatischen (oder wenigstens halbwegs zivilisierten) Miteinanders gesprengt. Und er hat sich, das macht die Sache gefährlich, entschlossen, die drei Millionen in Deutschland lebenden Türken und Türkischstämmigen gegen ihr Gastland aufzuhetzen. Mit dem Mobbing deutscher Erdogan-Fans gegen die Ehefrau des Außenministers Gabriel geht die giftige Saat auf, die der Sultan in die Köpfe der Menschen eingepflanzt hat.
Dagegen wird kurzfristig schwer anzukommen sein. Erst recht, weil viele Deutsch-Türken nicht ARD oder Arte schauen, sondern türkisches Satelliten-TV. Umso wichtiger wäre es, Erdogans fast schon totalitären Anspruch auf allumfassende Indoktrination seiner Landsleute wenigstens in Deutschland zu unterbinden – etwa indem das Moschee-Monopol der staatlichen türkischen Religionsbehörde Ditib durchbrochen wird. Derzeit lehren in allen türkischsprachigen Gebetshäusern hierzulande Imame, die an Ditib-Hochschulen in der Türkei ausgebildet wurden, also direkt dem Zugriff des islamistischen Regimes in Ankara unterstehen. Berlin wird den Kampf um die Köpfe niemals gewinnen können, wenn Erdogans Vorfeld-Organisation gestattet wird, schon die türkischen Kinder in unseren Kindergärten in ihrem Sinne zu formen. Der hier und später in den Moscheen herangezüchtete Islamismus ist eine furchterregende Waffe in Erdogans Händen. Nur unerschütterliche Optimisten werden glauben, dass der Sultan sie nicht eines Tages gegen Deutschland einsetzen wird.
Georg Anastasiadis
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