Der Geistliche und Kanonikus Michael Gamper (1885-1956) ist in Bayern wahrscheinlich fast ganz unbekannt, im beliebten Urlaubsland Südtirol jedoch eine Art Volksheld.
Kürzlich wurde mit einem Symposium in Südtirol an ihn erinnert. Der Athesia-Verlag in Bozen, der auch die führende deutschsprachige Tageszeitung „Dolomiten“ herausgibt, hat dazu einen Band zu Leben und Werk von Gamper herausgebracht. Vor allem wurde Gampers Vermächtnis, ein Memorandum für ein selbstständiges Südtirol, herausgegeben. „Das Memorandum hätte 1945 dazu dienen sollen, die Südtiroler an das Vaterland Österreich anzugliedern, was nicht gelungen ist“, schreibt Chefredakteur Toni Ebner. Man sieht: Viele Südtiroler leiden bis heute daran.
Um die Bedeutung von Gamper zu erfassen, muss man etwas zurückblicken: Mit dem Friedensvertrag von Saint Germain-en-Laye am 10. September 1919 wurde der Brenner als neue Grenze zwischen Österreich und Italien festgelegt, Tirol geteilt und Südtirol als Teil Italiens bestimmt. Mit dieser Zweiteilung Tirols haben sich viele sowohl im österreichischen Teil als auch in Südtirol bis heute nicht abgefunden, wovon auch dieses Buch zeugt.
Gamper bildete zweifellos die Speerspitze des Widerstands gegen die – auch in Bayern argwöhnisch verfolgte – sogenannte „Italienisierung“ Südtirols, die besonders nach dem Sieg des Faschismus 1922 brachial, ja brutal vorangetrieben wurde. Da wurden deutschsprachige Zeitungen wie die traditionsreiche Tageszeitung „Dolomiten“ ebenso verboten wie auch die deutschsprachigen Schulen.
Gamper leistete Widerstand und gründete die Katakombenschule, also eine Geheimschule, in der die Kinder heimlich unterrichtet wurden. Auch förderte Italien damals einen demonstrativ faschistischen Baustil, wovon zum Beispiel das 1926 errichtete „Siegesdenkmal“ in Bozen heute noch zeugt.
Da der Geistliche aber auch ein Gegner Hitlers war und vor allem gegen das Optionsmodell der Nationalsozialisten agitierte, geriet er doppelt in Bedrängnis: sowohl durch die italienisch-faschistischen Behörden als auch durch die Nazis. Die Option ab Ende 1939 war eine erzwungene Wahlmöglichkeit: Die Südtiroler und die deutschsprachige Minderheit der Ladiner sollten sich entweder für die Auswanderung nach Deutschland (beziehungsweise in die von Deutschland besetzten Ostgebiete) entscheiden oder aber fürs Dableiben, wobei dann aber klar war, dass ihre Kultur unterdrückt werden würde. Gamper war entschieden fürs Dableiben und setzte dafür, wie der Historiker Rolf Steininger schreibt, „sein Leben aufs Spiel“. Die „Dableiber“, wie sie gerufen wurden, waren besonders den stramm nationalsozialistischen Mitgliedern des „Völkischen Kampfbundes Südtirol“ verhasst.
1943, nach dem Waffenstillstand Italiens mit den Alliierten und der folgenden Besetzung Südtirols durch die Nationalsozialisten, schwebte Gamper in akuter Lebensgefahr. Die Gestapo verhaftete zum Beispiel Verantwortliche der Zeitung „Dolomiten“ und brachte sie ins KZ Dachau. Nach dem Kanonikus suchten sie jedoch vergebens. Er war nach Florenz geflohen. Dort verfasste Gamper die in Südtirol berühmte Denkschrift „Südtirol – ein Problem des Friedens“, 34 Seiten lang mit 100 Seiten Beilagen. „Die Denkschrift ist das eindrucksvollste Dokument für die Forderung nach Wiederherstellung der Einheit Tirols“, schreibt Steininger. Gamper favorisierte die Wiedervereinigung Tirols und die Angliederung an Österreich. Da er wohl wusste, wie utopisch das war, schlug er als Alternative vor, Tirol als „neutraler Freistaat“ solle selbstständig sein als eine Art Schweiz.
Bekanntlich kam es anders: Die Alliierten entschieden, dass Südtirol italienisch bleiben sollte. Gamper fügte sich, er war Realist und plädierte dafür, die verbleibenden Spielräume im Sinne einer Autonomie (nicht jedoch Loslösung) zu nutzen. Der damalige Einfluss Gampers auf die führende politische Kraft in Südtirol, die „Südtiroler Volkspartei“, kann gar nicht überschätzt werden – die Partei übernahm zum Teil wortgleich Gampers Formulierungen in offiziellen Aufrufen.
Mit der späteren Radikalisierung separatistischer Südtiroler („Befreiungsausschuss“), die seit Mitte der 1950er-Jahre Sprengstoffanschläge vorbereiteten und an eine Art Partisanenkrieg dachten, hatte Gamper nichts zu tun. Wahrscheinlich hätte er solche Gewalttaten verabscheut, sein Tod verhinderte jedoch eine Positionierung. Sein Begräbnis geriet zu einer Art Volksauflauf mit 20 000 Trauergästen. Dirk Walter
Ein Leben für Südtirol
Kanonikus Michael Gamper und seine Zeit, herausgegeben von Rolf Steininger, Bozen 2017, 24,90 Euro.