München – Man hat Christian Streich schon schimpfen sehen, richtig. Es hat oft Kultcharakter, wenn der Trainer des SC Freiburg sich in Rage schreit. Aber am Sonntag, nach dem 0:0 zum Saisonauftakt gegen Eintracht Frankfurt, blieb er relativ ruhig. Eher mit einem Augenzwinkern wies der 52-Jährige darauf hin, dass er eigentlich lieber am Samstag gespielt hätte: „Da wären wir 1:0 in Führung gegangen. Da hat ja nichts funktioniert.“
Streich nahm mit diesem Satz Bezug auf das Abseitstor, das nach dem kurzzeitigen Jubel seiner Mannschaft via Videoassistent – korrekterweise – aberkannt worden war. So ist das in der neuen Welt der Bundesliga. Alles korrekt, und trotzdem nicht ganz gerecht. Denn der sportliche Vergleich zu den anderen Stadien, in denen die Technik am Tag zuvor zur Bundesliga-Prime-Time gestreikt hatte, hinkte. In Sinsheim, Berlin, Hamburg, Mainz und Wolfsburg hätte der Treffer gezählt, weil eine Abseitsstellung wie die von Vorlagen-Geber Florian Niederlechner aufgrund der fehlende Kalibrierungslinie gar nicht erst erkannt worden wäre. Dass Streich so ruhig geblieben ist, war deshalb nicht selbstverständlich. Das weiß auch die DFL, die dieser Tage mit Hochdruck der Frage nachgeht, was am kommenden Wochenende passieren wird.
Der Ärger nach der Premiere voller technischer Pannen war groß, vor allem bei denjenigen, die das Projekt seit zwei Jahren betreuen und sowohl offline als auch online in der vergangenen Saison – so dachte man – zu Genüge getestet hatten. Eine Krisensitzung mit der Geschäftsführung von Dienstleister Hawkeye hat stattgefunden, bisher aber drückt sich die DFL – auch auf Anfrage – um ein offizielles Statement zum Ergebnis dieser Gespräche. Man weiß, dass wohl ein überlastetes Glasfaserkabel als Ursache für die Probleme ausgemacht werden konnte. Man weiß aber noch nicht, ob Hawkeye gewährleisten kann, dass ein weiterer System-Blackout ausgeschlossen ist. Sollte das nicht der Fall sein, steht für Projektleiter Hellmut Krug ein Abbruch der eigentlich auf ein Jahr festgelegten Testphase schon jetzt im Raum.
„Wir können nicht Wochen und Wochen so weitermachen. Vor allem für die Schiedsrichter ist das unzumutbar“, sagte der Schiedsrichter-Manager des DFB am Montagabend bei „Sky“. Sollte es am 2. Spieltag wieder zu Problemen kommen, „müssen wir uns etwas anderes überlegen“. Krug, der sich vor der Einführung stets positiv gezeigt hatte, gab zu: „Das ist natürlich nicht das, was wir uns vorgestellt hatten.“
Die vermasselte Premiere war Wasser auf die Mühlen der Kritiker. Bayern-Präsident Uli Hoeneß hatte sich schon am Montag skeptisch gezeigt („habe meine Bedenken“), obwohl der Rekordmeister einer von zwei Teams war, die vom Videobeweis profitiert hatten (Elfmeter nach Foul an Robert Lewandowski). Philipp Lahm ergänzte nun: „Wenn man etwas Neues einführt, sollte es schon funktionieren.“ Liga-Präsident Reinhard Rauball hingegen mahnte zu Geduld: „Das ist jetzt eine Phase der Erprobung, und es passieren Dinge, die so nicht vorgesehen sind.“ Den „Versuch, mehr Gerechtigkeit in den Fußball zu bringen“, sollte man nicht gleich abbrechen.
DFB-Präsident Reinhard Rauball bedauerte zwar die technischen Pannen, wies aber auch darauf hin, dass „weder die Liga noch die Schiedsrichter“ etwas dafür können. Argumente, die richtig sind – der unter Zugzwang stehenden DFL aber wenig nutzen. Sollte es keine schnelle Lösung des Problems geben, sagte Krug daher, sei Vieles vorstellbar: „Man müsste zurückgehen zur alten Form ohne Videoassistenten oder eine Van-Lösung ausprobieren.“
Auch die Serie A hat zu dieser Spielzeit – ein Jahr früher als ursprünglich geplant – den Videobeweis eingeführt. Anders als in der Bundesliga beurteilen die Assistenten strittige Szenen aber in Italien nicht in einem Zentrum wie jenem in Köln, sondern jeweils vor Ort in einem Van. Am vergangenen Wochenende hat das einwandfrei funktioniert, in allen Stadien.
Ein Idealzustand, den nicht nur Streich sich wünscht. Sonst schreit sich der Freiburger Coach bald wirklich in Rage. Und nicht nur er.