Exzesse des Fußballmarketings

Blickpunkt Bangkok

von Redaktion

So eine Pokalauslosung ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Früher, als noch der selige Walter Baresel ein strenges Auge auf die Prozedur warf, war die Ziehung der Kugeln eine im besten Sinne schmucklose, mit heiligem Ernst durchgeführte Veranstaltung, die zügig, aber nicht hastig über die Bühne ging. Dagegen musste der Zuschauer zuletzt manchmal bis nach Mitternacht warten, ehe alle Paarungen komplett waren. Vorher stand allerlei Firlefanz auf dem Programm, der vor allem den Vertretern von Viert- und Fünftligisten gefiel, die außerhalb des Pokalrahmens nur selten in den Genuss eines ARD-Interviews kommen.

Der DFB hat auf die Kritik mittlerweile reagiert und die Auslosung auf den frühen Sonntagabend um 18 Uhr gelegt. Dies ist ein Beleg dafür, dass Protest manchmal doch Sinn macht und der deutsche Fußballkunde vereinzelt noch ein bisschen König ist. Anderswo sind die Menschen schlimmer dran. In England zum Beispiel rollt gerade eine Welle aus Empörung, Spott und Unverständnis durchs Land. Grund war der Beschluss, die Auslosung der dritten Runde des Ligapokals, die diese Nacht stattfand, auf 4.15 Uhr Ortszeit anzusetzen.

Natürlich steckt dahinter mal wieder der Blick auf den asiatischen Markt, den sagenumwobenen. In klassisch britischem Understatement räumte ein Sprecher des Ligaverbandes ein, man verstehe, dass mit dem Termin „nicht jeder“ einverstanden sei. Aber wichtiger sei nun mal, „maximale Präsenz auf dem britischen, chinesischen und südostasiatischen Markt zu erreichen“. Und darum wird heute kurz vor der Mittagspause der Fußballfreund in Singapur, Bangkok und Shanghai live erfahren, mit wem es die Doncaster Rovers, Burton Albion und der FC Brentford in Runde drei zu tun bekommen. Der Fan in Doncaster, Burton und Brentford hingegen muss für diese Information den Wecker stellen.

Der neueste PR-Exzess ist das logische nächste Kapitel in der unfreiwillig komischen Geschichte des Ligapokals. Titelsponsor ist seit diesem Jahr ein thailändischer Hersteller von Energydrinks, weswegen die Auslosung der ersten Runde in Bangkok stattfand. Es ist fast überflüssig zu sagen, dass die Idee voll in die Hose ging. Erst wurde ein Team gleich zwei Gegnern zugelost, dann sollten plötzlich zwei ungesetzte Vereine aus dem selben Lostopf gegeneinander antreten. An diesem Desaster konnte die ganze Welt via Facebook teilhaben. Zumindest wenn der Livestream nicht gerade zusammenbrach.

Man sollte sich an die bedauerswerten Engländer erinnern, wenn hierzulande mal wieder ein Marketingmensch auf die Idee kommt, neue Märkte ins Spiel zu bringen. Der jüngste Vorstoß des Adidas-Chefs Kasper Rorsted, das DFB-Pokalfinale in China auszutragen, wurde von den Fußball-Mächtigen zum Glück überwiegend abgelehnt. Der Rest ignorierte ihn einfach.

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