Das Publikum glücklich machen und doch mehr als nur unterhalten, das ist die ganz große Qualität des Alvin Ailey American Dance Theater. Wenn auch völlig anders als hierzulande ab den Sechziger- und Siebzigerjahren der wilde choreografische Theatermacher Hans Kresnik, war Alvin Ailey von Anfang an politisch. Sein 1958 gegründetes AAADT sollte offen für Tänzer jeder Hautfarbe sein. Und sein „Revelations“ (1960), das zum Klassiker und zum Markenzeichen der New Yorker Truppe wurde, tanzt bis heute an gegen Diskriminierung und Ungerechtigkeit – unaufdringlich, religiös gestimmt versöhnlich, aber insistierend.
Diese Gefühlsbotschaften gibt „Revelations“ traditionell dem Publikum mit auf den Heimweg, auch beim angelaufenen AAADT-Gastspiel im Münchner Deutschen Theater. Und sie berühren uns umso unmittelbarer angesichts der aktuellen Manifestation von Rassismus in Europa und den USA. Martin Luther Kings hoffnungsvolles „I have a dream“ scheint in diesen Zeiten sehr weit weg. Aber auch tanzgeschichtlich ist „Revelations“ wichtig, weil hier formal die Anfänge der Company liegen. Ailey war Schüler der beiden bedeutenden Modern-Dance-Pioniere Martha Graham und Lester Horton (nach dessen Tod 1953 übernahm Ailey die Leitung der Horton-Company), und er choreografierte zunächst noch ganz in deren Tradition. Bestens erkennbar Hortons Betonung auf der Kraft des Rückens (wie unterm Brennglas: das Solo „I wanna be ready“), Grahams weich aus der unteren Mitte des Körpers geholte Bewegung und ihre Dramatik. Die, das sei vorab erwähnt, spielt in den neueren Repertoire-Zugängen keine große Rolle. Jede der zwölf „Revelations“-Miniaturen zu Gospelsongs erzählt auf wunderbar eindringliche Weise von durch Glauben aufgefangener Trauer und letztlich von Zuversicht und Lebensfreude.
Aber keine Company kann den Tod seines Gründers überleben – Ailey starb 1989 – ohne Repertoire-Auffrischung. Nach Judith Jamison, Aileys hochgewachsener Muse (man erinnert sie auch als die Potiphar in John Neumeiers „Josephs Legende“) und erster Nachfolgerin, leitet seit 2011 Robert Battle das Ailey-Ensemble (wir berichteten). Und es ist merklich: Seit dem vergangenen Münchner Gastspiel im Sommer 2014 hat sich das AAADT stilistisch weiterentwickelt. Manche Graham-Vokabeln scheinen wohl noch hin und wieder durch. Aber die drei in München gezeigten Stücke sind sportlicher, in der freien Vielfalt der Bewegungen absolut zeitgenössisch – und großartig getanzt. „Takademe“ (1999) von Battle ist ein auf Sheila Chandras rasend schnellem, silbisch skandiertem Kathak-Sprechgesang (vom Band) dahinflitzendes Solo, das die indischen Fußrhythmen in scharfkantige Blitzbewegungen übersetzt. Und Tänzer Yannick Lebrun ist ein prachtvoller Interpret.
„Exodus“ (2015) von Rennie Harris und „Four Corners“ (2013) von Ronald K. Brown bestechen als soghafte Ensemble-Stücke, vorwärts getragen durch klangreiche, aber bewusst gleichbleibende und so den Zuschauer fast in Semi-Trance versetzende instrumentale Rhythmen und Ethno-Gesänge. Rennie Harris’ Thema „Exodus“ erschließt sich nicht wirklich – vielleicht angedeutet im Kostümwechsel von Streetdance-Outfits zu weißen Hosen und Tops? Er bewegt jedoch eine große Gruppe von Tänzern in verschiedenen Tempi über die Bühne, verbindet dabei sehr flüssig einen schnellschrittigen Hip-Hop und einen, man könnte sagen, westlich kultivierten Afro-Stil. Diese Verschmelzung fasziniert.
Fünf Sterne möchte man Ronald K. Browns Stück verleihen. Seine Idee, dass vier Engel am Weltrand die Winde festhalten, ist poetisch tänzerisch umgesetzt. Vorwiegend in seinem eleganten afrikanischen Bewegungsidiom, in das sich neoklassisch-modern geschwungene Attitüde-Drehungen hineinmischen, wallt und weht die Choreografie an uns vorüber, mal als Damen-, mal als Männerquartett, auch als sinnliches Mann-Frau-Duo. Man fühlt sich gerade so, als ob die Winde uns aufsitzen lassen und man mitfliegt – in „die vier Ecken der Welt“.
Weitere Vorstellungen
bis 27. August; Karten unter Telefon 089/ 55 23 44 44.