Alle dürfen sie sich beim „breiten metallenen Rockknopf“ bedanken, wie ihn der Angreifer beschrieb. Nicht nur sein beinahe getöteter Gegner Georg Friedrich Händel oder die Schaulustigen vor der Gänsemarkt-Oper, letztlich die ganze Musikwelt. Das Accessoire, klein aber wirkungsvoll, blockierte den Degenstich von Johann Mattheson. Ein heißes Pflaster war dieses Hamburg des Jahres 1704 – wobei sich Wettkämpfe unter Musikern auch gewinnbringender für alle austragen lassen. So wie der fast gleichzeitige zwischen dem Hamburger Theaterchef Reinhard Keiser und Händel, die sich für ihre Opern dasselbe Textbuch vornahmen. Durchs Raster der Musikhistorie sind damit beide gerutscht. Händels Stück ist verschollen, das von Keiser wird immerhin gelegentlich reanimiert.
So sehr begeisterte seinerzeit Keisers „Die römische Unruhe oder die edelmütige Octavia“, dass Händel (eine gängige Praxis) daraus Arien klaute. Das Original ist mit fast allen Punkten, Kommas und Sechzehnteln derzeit bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik zu erleben. 60 (!) meist knappe Nummern, die Orchesterbesetzung musste allerdings eingedampft werden. Der stimmungsvolle, wiewohl kleine Innenhof der Theologischen Fakultät verträgt kaum mehr als die 18 aufgebotenen Musiker. Keisers Instrumentationskunst, die kühn Entlegenes mischt, teilt sich trotzdem mit. Von Damen-Arien mit Hörner-Begleitung, eigentlich ein Privileg kampfesmutiger Kerle, bis hin zum bekanntesten Stück, Octavias „Geloso sospetto“, für das es fünf Fagotte braucht – die Innsbrucker bieten zwei plus Oboe da caccia. Geht auch.
Die Handlung hat mit der Historie nichts zu tun. Roms Kaiser Nero verliebt sich in Ormoena, Frau des besiegten Armenier-Königs Tiridates. Neros Gattin Octavia soll zum Suizid gezwungen werden, worauf sie wenig Lust verspürt und dem Fremdgänger als fingiertes Gespenst erscheint. Nero sieht seinen Fehltritt ein, am Ende finden die blaublütigen Paare nebst einiger Nebenfiguren wieder zusammen. Eine doppelte Mixtur: Tragödie und Komödie bilden ebenso eine Melange wie die deutsche und italienische Sprache.
Der Regisseur François de Carpentries treibt auf sparsamer Bühne von Karine van Hercke den Egotrip Neros noch weiter. Der Kaiser selbst inszeniert sich als Hauptperson seines eigenen Stücks, was zu Bariton Morgan Pearse und seinem sehr selbstbewussten Auftreten passt. Der Australier hat 2016 den Innsbrucker Cesti-Wettbewerb gewonnen, ist ohnehin schon in der Opernszene ziemlich aktiv und führt lustvoll seinen gut durchgebildeten, aus dem Barockstil herausdrängenden Granit-Bariton vor. Das Regie-Konzept bietet ein solides, im zweiten Teil wirkungsvolleres Podium für den Gesangsnachwuchs, funktioniert allerdings auf dem Papier besser. Und dass Keisers heute staubiger Humor und das Barockdeutsch eine knifflige Sache sein können, registriert man in Innsbruck auch.
Mancher aus dieser vielversprechenden Riege singt sich an den harmonisch reichen Rezitativen und Arien entlang, andere spielen souverän mit dem Tonmaterial. So wie Federica Di Trapani (Ormoena) mit blinkender, in den Höhen fadenfeiner Vokalkunst, Soprankollegin Suzanne Jerosme (Octavia) mit biegsamer, stabiler und gut zentrierter Stimme sowie Eric Jurenas, (Tiridates) dessen aparter Countertenor an den jungen David Daniels erinnert. Sehr freigesungen und -gespielt hat sich auch Robyn Allegra Parton, deren natürlicher Witz der florentinischen Prinzessin Clelia gut bekommt.
Dass sie alle für drei Innsbrucker Aufführungen zum Teil ausgedehnte Partien lernten, die sie mutmaßlich nie wieder brauchen, nötigt großen Respekt ab. Passend dazu das „Barockensemble: Jung“, das für dieses Projekt zusammenkam. Hervorragende, sehr versierte Musiker sind darunter. Jörg Halubek, der vom Cembalo aus die Aufführung leitet, kann sich da auf die Rolle als stilsicherer Animateur beschränken. Eine hochrespektable Reanimation, doch spätestens nach drei langen Stunden schwinden Temperatur und Aufmerksamkeit. Wenn schon in Innsbruck an der Instrumentation geschraubt wurde: Warum sollte dann die gesamte Partitur Reinhard Keisers sakrosankt sein?
Weitere Aufführungen
am 25. und 26. August; Telefon 0043/ 512/ 56 15 61.