Bertelsmann-Studie

Integrations-Meister Deutschland?

von Redaktion

von Marcus mäckler

Gütersloh – Steht der islamische Glaube der Integration in westliche Gesellschaften im Weg? Spätestens seit Beginn der Flüchtlingskrise wird das auch in Deutschland diskutiert – mal mehr, mal weniger sachlich. Dabei scheinen gerade hier die Bedingungen für ein gelingendes Miteinander gut zu sein. Das behauptet zumindest eine neue Studie, die die Bertelsmann-Stiftung gestern vorgestellt hat.

Zentrales Ergebnis: Verglichen mit der Situation in Frankreich, Großbritannien, Österreich und der Schweiz funktioniert die Integration in Deutschland recht gut. Befragt wurden Muslime, die vor 2010, also vor der Flüchtlingswelle, in die jeweiligen Länder gekommen sind. Die Autoren bewerten Bildung, Sprachkompetenz, Arbeit und gesellschaftliche Kontakte – also soziale Faktoren. Die „Assimilation an eine wie auch immer geartete Leitkultur“, heißt es dort, spiele keine Rolle.

Danach kommt Deutschland bei der Integration auf dem Arbeitsmarkt besonders gut weg. Muslime arbeiten genauso oft in Vollzeitstellen wie der Bevölkerungsschnitt, auch die Arbeitslosenquote ist gleich niedrig (siehe Grafik). 73 Prozent der hier geborenen Muslime wachsen mit Deutsch als erster Sprache auf. Muslime fühlen sich Deutschland mindestens genauso verbunden wie ihrem Heimatland (96 Prozent) und pflegen soziale Kontakte zu Andersgläubigen. Außerdem wird das Niveau der Schulabschlüsse kontinuierlich besser.

Wenn auch nicht so gut wie etwa in Frankreich. 36 Prozent der in Deutschland geborenen Muslime beenden vor dem 17. Lebensjahr die Schule, haben also einen vergleichsweise schlechten Abschluss. In Frankreich sind es nur zehn Prozent. Die Studie macht hierfür das Schulsystem verantwortlich. Während hier früh aussortiert wird, lernen französische Kinder länger zusammen. Weil der dortige Arbeitsmarkt angespannter und weniger durchlässig ist, sind Muslime aber trotz des höheren Bildungsniveaus in Frankreich häufiger arbeitslos.

„Die These, dass soziale Integration bei Muslimen nicht funktioniert, ist falsch“, sagt der Essener Integrationsforscher Dirk Halm, der die Daten für die Bertelsmann-Stiftung ausgewertet hat. Religion spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Staatliche und ökonomische Rahmenbedingungen seien dagegen besonders wichtig.

Ganz reibungslos verläuft Integration aber nicht. Laut Halm können veraltete Rollenerwartungen, etwa an Frauen, ein Hindernis sein. Aber auch sehr religiöse Muslime, also solche, die sich zum Beispiel streng an Gebetszeiten halten, haben es tendenziell schwerer. Von den rund 4,7 Millionen Muslimen in Deutschland (Stand Ende 2015) sind das laut Studie 40 Prozent. Sie haben seltener einen Job und werden schlechter bezahlt. In Großbritannien (hier sind 64 Prozent sehr religiös) ist der Unterschied zu weniger frommen Glaubensbrüdern minimal.

So positiv das klingt: Die Studie bietet Angriffspunkte. Sie klammert Flüchtlinge aus. Außerdem bietet sie keine Erklärung, warum sich auch oberflächlich gut integrierte Muslime wie die Barcelona-Attentäter radikalisieren (siehe Text unten). Der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack kritisiert zudem den einseitigen Fokus auf die Bedingungen in aufnehmenden Ländern. „Wir müssen auch berücksichtigen, was die, die kommen, von sich aus mitbringen, damit die Integration funktioniert“, sagt er. Auch eine Bewertung aus Sicht der Muslime vermisst er. Daten belegten, dass sich viele hier nicht anerkannt fühlten.

Die Distanz zwischen Muslimen und der Mehrheitsgesellschaft ist nicht wegzureden. Immerhin 19 Prozent der befragten Deutschen gaben an, keine Muslime als Nachbarn haben zu wollen. In Österreich sind es 28 Prozent. Schon deshalb, das betont die Studie, sei es wichtig, dass sich die Gruppen künftig intensiver über das austauschen, was sie trennt. Auch Ängste dürften kein Tabu sein.  mit dpa

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