Boston/Cleveland – Im April zeigten Isaiah Thomas und sein Team, die Boston Celtics, welch emotionale Gefühle sie füreinander hegen. Unmittelbar vor Spiel eins der Erstrunden-Partie in den Playoffs, der entscheidenden Phase in der nordamerikanischen Basketballliga NBA, war Thomas’ kleine Schwester bei einem Autounfall verunglückt. Thomas spielte trotzdem, – und in der Halle schien eine spezielle Verbundenheit zwischen Fans und Spieler zu herrschen. „We got you, Isaiah“, stand im TD Garden auf einem Banner hinter der Celtics-Bank. Thomas dankte anschließend der Stadt und den Celtics für die Unterstützung.
Vier Monate später hat Boston seinen Publikumsliebling abgegeben. Die Celtics glauben, mit einem anderen Spielmacher besser dazustehen. In einem der größten Tauschgeschäfte der jüngeren NBA-Geschichte haben sie Thomas nach Cleveland geschickt, im Gegenzug wechselt der 25-jährige Kyrie Irving von Ohio nach Massachusetts. Erstaunen sollte es heutzutage keinen mehr, dass Empathie und Sentimentalitäten im Business des (amerikanischen) Profisports keine Rolle mehr spielen.
Thomas führte ein junges Team bis in das Finale der Eastern Conference. Er rekrutierte fleißig talentierte Mitspieler, um endlich auch in den entscheidenden Spielen bestehen zu können. Mit Erfolg: Im letzten Sommer kam Center Al Horford, in diesem Jahr Gordon Hayward – beide galten sie als die besten Spieler ihrer vorherigen Mannschaften. Das war profitabel für die Celtics, Thomas wird mit den beiden freilich nicht mehr auflaufen. Bei aller Emotionalität: Nach 2008 soll endlich mal wieder ein NBA-Titel nach Boston. „Business as usual.“
Bemerkenswert ist der Spielertausch dennoch. Erstens werden Spieler mit der Klasse von Thomas und Irving eher selten getradet – der diesjährige Sommer stellt da eine Ausnahme dar, gleich mehrere Superstars spielen zukünftig für andere Teams. Zum anderen heißt es im NBA-Kosmos, man solle seine wertvollsten Juwelen nicht an seine direkten Konkurrenten weiterreichen.
Ausgerechnet die Cavs und Celtics handelten jetzt ein solches Tauschgeschäft aus. Vor kurzem standen sie sich noch im Finale der Eastern Conference gegenüber, es ging mit 4:1 an Cleveland. Jenes Team, welches seit der Rückkehr von Dominator LeBron James 2014 dreimal im Finale stand und 2016 den Titel holte. Aus dem Schatten James’ will Kyrie Irving endlich heraustreten, wohl deshalb forderte er kürzlich seinen Trade.
Angesichts dessen dürfte man in Cleveland mit dem Gegenwert, der nach Ohio wandert, zufrieden sein. Neben Thomas spielen ab kommender Saison auch Jae Crowder, ein massiv unterbezahlter Flügelspieler, und das kroatische Talent Ante Zicic in der Quicken Loans Arena – dazu kommt der wertvolle Pick der Brooklyn Nets aus dem kommenden Jahr. Damit können die Cavaliers endlich mal wieder früh einen Spieler in der jährlichen Talente-Draft auswählen. Ein besseres Angebot als jenes von Celtics-Manager Danny Ainge dürfte nicht verfügbar gewesen sein.
Boston erhält hingegen einen der besten Punktesammler der Liga, der zeigen möchte, dass er auch eine Mannschaft anführen kann. Ein fairer Deal für Cleveland und Boston, meinen die meisten. Und ganz nebenbei ein traumhaftes Szenario für die NBA: Wie es der Zufall will, steigt das Auftaktspiel der Saison in Cleveland – zwischen den Cavs und den Celtics.
Thomas trifft also direkt auf seine ehemaligen Kollegen aus Boston. Die Macher dort glaubten wohl nicht mehr an Meistertitel mit dem zwar offensiv talentierten, aber defensivschwachen 1,75-Meter kleinen Point Guard, der zudem gerade erst von einer komplizierten Hüftverletzung zurückkehrt. Die Championship sollen nun Irving und womöglich weitere Stars bringen. Tun sie das nicht, landen wahrscheinlich auch sie bald auf dem Spieler-Basar der NBA. Denn selbst bei den traditionsreichen Celtics zählt am Ende der sportliche Erfolg, für Gefühle bleibt da nur selten Platz.