Neureich trifft auf Tradition

von Redaktion

Zwischen Freude und Schmerz – Bayern gegen Paris mit Neymar, Anderlecht und Celtic Glasgow

VON ANDREAS WERNER

München – Ältere Semester werden sich noch an die letzte große Zeit von Paris St. Germain erinnern. Vor allem an diesen Baum von einem Mann vorne im Zentrum, dessen Name wie ein Aufschrei der Freude oder des Schmerzes klang, je nach Sichtweise: Als George Weah in den 90ern für die Franzosen stürmte, hatte dem selbst der FC Bayern wenig entgegenzusetzen. 2:0 und 1:0 verloren die Münchner die Duelle in der Champions League, freilich pendelten sie damals etwas in der Grauzone hinter der absoluten europäischen Elite umher. Dekaden später wird es nun wieder zu einem Aufeinandertreffen kommen, ganz Europa wird genau hinsehen. Im Mittelpunkt steht jetzt ein neuer Mann, der Freuden- oder Schmerzensschreie heraufbeschwört, je nach Sichtweise: Neymar.

Neureich trifft auf Tradition – so ist das Quartett, das heuer in der Vorrundengruppe B zwei Teilnehmer für das Achtelfinale der Champions League ausspielt, ganz gut abgebildet. Der FC Bayern sowie der RSC Anderlecht und Celtic Glasgow stehen für glorreiche Zeiten im internationalen Fußball, Paris St. Germain unterdessen knüpfte erst in den vergangenen sechs Jahren an die Ära von Weah und Kollegen an; seitdem Katar den Klub gekauft hat, fließen die Unsummen. Für Neymar wurden sagenhafte 222 Millionen Euro locker gemacht. Nicht alle in der Branche sehen diese Praxis so sportlich wie Mats Hummels, der das Los Paris gestern so kommentierte: „Prima. Da kann man sich gleich mit den Besten messen.“

Dabei haben die Bayern an Neymar keine guten Erinnerungen. Als sie im April 2015 unter Pep Guardiola im Halbfinale der Königsklasse am FC Barcelona scheiterten, hatte der Brasilianer mit seinen drei Treffern maßgeblichen Anteil. Im Hinspiel machte sein 3:0 ein Aufholen in der zweiten Partie praktisch zu einer Unmöglichkeit, und als in München zwischenzeitlich doch Hoffnung aufkeimte, pulverisierte er sie mit zwei weiteren Toren. Auf den meisten Bildern aus diesen Partien sieht man ihn in Zweikämpfen mit Sebastian Rode und Rafinha; die beiden Münchner zeigen überforderte Mienen. Beim Wiedersehen mit dem 25-Jährigen herrschen neue Vorzeichen: Die Bayern kommen nicht auf dem Zahnfleisch daher, und Neymar muss ohne die Pässe von Lionel Messi erst einmal beweisen, ob nur ein Spieler ein ganzes Team tatsächlich entscheidend stärker macht. „Das ist eine aufregende Gruppe“, sagte Carlo Ancelotti, „unterschiedliche, aber schwere Gegner.“ Paris zählt dank Katars Finanzspritzen zu den großen Kalibern des Kontinents, beim belgischen Rekordmeister RSC Anderlecht und dem schottischen Evergreen Celtic Glasgow stehen eher romantische Motive im Vordergrund. Es wäre ein Fehler, beide zu unterschätzen, warnte zwar Hasan Salihamidzic, doch das war mal wieder eine artige Floskel aus seinem Repertoire. Thomas Müller traf es mit seiner Einschätzung besser, indem er „klangvolle Namen des europäischen Fußballs“ rühmte, dann aber klarstellte: „Trotzdem: Wir wollen unbedingt weiterkommen.“ Und während Manuel Neuer auf das stimmungsvolle Stadion in Glasgow hinwies („das Los freut mich für unsere Fans“), gestattete sich Hummels einen praktischen Gedanken: „Ich bin glücklich, dass diesmal keine ellenlangen Reisen dabei sind.“ Die Bayern sollten kommod durchkommen.

Die Duelle mit Paris freilich werden ungemütlich. Für Ancelotti und Kingsley Coman wird es ein Rendez-vous mit der eigenen Vergangenheit, beide standen am Eiffelturm bereits in Lohn und Baguette. Corentin Tolisso freut sich zudem auf ein Duell mit seinen Landsleuten: „Das werden zwei große Duelle. PSG wird eine Herausforderung.“ Wohl sogar eine größere als zu Zeiten von Grandseigneur George Weah. Und womöglich wird man sich wieder Dekaden später daran erinnern.

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