Die Filmwelt ist ja keine, nun ja, von Eitelkeiten freie. Wie erfrischend kommt da dieser kleine Mann daher: Tilman Döbler heißt er, hellblond wie Michel aus Lönneberga ist er, und hat mit seinen elf Jahren schon einen Charme, dass heute Abend viele Zuschauer verzückt vor dem Fernseher sitzen werden. Dann zeigt die ARD um 20.15 Uhr das in jeder Hinsicht gelungene und ungemein berührende Drama „Zuckersand“. In der Hauptrolle: Tilman aus Berlin.
Er spielt den Buben Fred. Brandenburg Ende der Siebziger. Fred und Jonas (Valentin Wessely) sind beste Freunde. Doch Jonas’ Mutter stellt einen Ausreiseantrag – was Freds Beamten-Vater (Christian Friedel) dazu veranlasst, seinem Sohn jeden Kontakt zu Jonas zu verbieten.
Tilman kennt das aus seinem eigenen Leben. Nein, sein Vater würde ihm so etwas nicht antun. Er ist ein genauso erfrischend entspannter Typ wie sein Sohn und frei davon, Tilman auf irgendeinen Karrierepfad zu stoßen, den der gar nicht einschlagen möchte. Aber einen Freund zu verlieren, das hat der Elfjährige auch im echten Leben schon erlebt. „Der ist damals nach Köln gezogen. Das kann man so ein bisschen vergleichen“, erzählt er.
Er sitzt in der Lobby im Münchner Hotel Prinzessin Elisabeth, in einer halben Stunde kommt das Taxi zum Bahnhof. Dann geht es für ihn und seinen Papa nach Berlin. Wochenende, ein Tag Schule – und wieder zurück gen München. Denn zurzeit dreht Tilman bereits sein nächstes Projekt: In Michael „Bully“ Herbigs Thriller „Ballon“ übernimmt er einen Part. Viel erzählen darf er noch nicht. Klar ist, es geht um die Flucht einer Familie aus der DDR. „Meine Rolle ist nicht riesig, aber ich habe trotzdem 30 Drehtage, weil ich zu der Familie gehöre und deshalb muss ich überall dabei sein“, verrät er. Die Hälfte des Pensums ist geschafft.
Während der Dreh zu „Zuckersand“ damals komplett in der Ferienzeit ablief, hat Tilman diesmal Unterrichtsausfall. „Um das auszugleichen, besuche ich eine Webschule. Ich skype jeden Tag mit einem Lehrer von denen, und die haben Kontakt zu meiner Schule.“ Klappt das gut? „Mal schauen, am Montag haben wir gleich Mathe, Deutsch, Englisch – mal gucken, wie ich mitkomme“, erzählt Tilman ganz ehrlich.
Er ist keiner, der protzt. In seiner Rolle als Fred gelingt es ihm, zwischen Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit zu pendeln; und genauso zeigt er sich auch im Gespräch. Wenn man ihm anfangs die obligatorische Frage stellt, ob es okay sei, wenn das Gespräch aufgenommen wird, grinst er breit und scherzt: „Nö, das ist nicht okay!“ Er hat den Schalk im Nacken. Fragt man ihn dann aber, wie seine Schulkameraden auf seine Schauspielerei reagieren – denn vor „Zuckersand“ hat er schon bei „Wir sind die Rosinskis“ und „Überflieger – Kleine Vögel, großes Geklapper“ mitgewirkt –, kommt kein abgedroschenes „Die freuen sich alle für mich“, sondern er zögert, überlegt und sagt dann: „Ich bin nach der vierten Klasse aufs Gymnasium gekommen und habe seitdem keinen Film gedreht. Ich weiß noch nicht, wie sie damit umgehen. Ich habe eher ein bisschen Angst, dass manche damit vielleicht nicht gut umgehen können.“
Dabei darf man diesem Buben seinen Erfolg von Herzen gönnen. Wie seine Brüder, die die Aufmerksamkeit, die Tilman jetzt bekommt, gut wegstecken („Das ist echt voll cool von ihnen!“). Denn das kam damals ja ganz unerwartet. Tilman spielt in einer Theatergruppe, nach einer Aufführung sprach ihn eine Agentin an, ob sie ihn in ihre Kartei aufnehmen dürfe. Durfte sie. Und prompt kam die erste Anfrage.
Kein Wunder, denn der Spaß an der Arbeit ist dem Nachwuchsschauspieler anzusehen. „Es macht immer Spaß“, sagt er und strahlt. Klar gibt’s auch mal Tage, da ist man müde von der Reiserei oder von einem Nachtdreh. Aber wenn er dann ans Set kommt, freut er sich immer riesig, alle wiederzusehen. Und für die nervigen langen Wartezeiten zwischen den Drehs gibt’s ja immer einen Kinderbetreuer. „Dann spielen wir Kartenspiele oder ich übe Vokabeln und mache Hausaufgaben“, alles wunderbar.
Beste Voraussetzungen für eine Karriere. Kann er sich das vorstellen? Da antwortet Tilman genauso professionell, wie er sich zuvor beim Shooting mit der Fotografin zeigte. Die brauchte nur ein paar Minuten, um gleich ein Dutzend tolle Porträts von ihm zu haben. „Ob das immer klappt mit der Schauspielerei, weiß man natürlich nicht. Aber vom jetzigen Zeitpunkt aus kann ich sagen, dass ich sehr gern Schauspieler werden würde.“ Ein großes Publikum ist ihm in jedem Fall gewiss.