Nach Skandal um Harvey Weinstein

Jetzt auch Verdacht gegen Kevin Spacey

von Redaktion

Beverly Hills: Ermittlungen gegen Regisseur James Toback

Eigentlich ist ein Coming Out ein Befreiungsschlag. Aber als Schauspieler Kevin Spacey sich am Montag outete, schlug ihm Kritik entgegen. Was war geschehen?

Angefangen hatte alles mit Vorwürfen von Schauspielerkollege Anthony Rapp, bekannt etwa aus „A Beautiful Mind“ und „Star Trek: Discovery“. Der hatte den „House of Cards“-Darsteller beschuldigt, ihn 1986 nach einer Party in seinem Apartment in New York auf sein Bett gelegt zu haben und auf ihn gestiegen zu sein. Es war der Vorwurf eines sexuellen Übergriffs, wie ihnen derzeit auch Filmproduzent Harvey Weinstein ausgesetzt ist, dazu aber noch auf einen Minderjährigen. Er sei damals erst 14, Spacey dagegen 26 Jahre alt gewesen, sagte Rapp der Website „Buzzfeed“.

Dass Spacey den mutmaßlichen Übergriff zwar als „zutiefst unangemessenes“, aber auch als „betrunkenes Verhalten“ einstufte, machte die Sache nicht besser – ebenso die Tatsache, dass er sich an den Vorfall eigener Aussage zufolge überhaupt nicht mehr erinnern kann. Aber dass der 58-jährige Oscarpreisträger ausgerechnet diesen Moment nutzte, um sich als schwul zu outen, brachte das Fass für Einige zum Überlaufen. Kritikern zufolge wirkte es wie eine gezielte Taktik, um vom eigentlichen Thema abzulenken.

Auch der mexikanische Schauspieler Roberto Cavazos warf Spacey vor, sich regelmäßig während seiner Zeit als künstlerischer Leiter des Londoner Theaters Old Vic an junge Schauspieler herangemacht zu haben. Er selbst sei zwei Mal Opfer unliebsamer Avancen geworden, berichtete Cavazos. „Es genügte offenbar, ein Mann unter 30 zu sein, damit Spacey meinte, er könne uns anfassen“, kritisierte der 35-Jährige. Er selbst habe zweimal unerfreuliche Erfahrungen gemacht, die er als Frau ohne zu zögern als „sexuelle Belästigung“ bezeichnet hätte. Er hoffe, „eine Menge anderer Leute“ fänden nun „den Mut“, von ihren eigenen Erlebnissen zu berichten.

Was auch immer Spacey antrieb, „andere Dinge über sein Leben anzusprechen“, wie er selbst schrieb: Nur rund zwölf Stunden nach seinem Statement folgte ein Paukenschlag aus Los Gatos, Firmensitz des Streaming-Anbieters Netflix. Dessen preisgekrönte Dramaserie „House of Cards“, in der Spacey den skrupellosen Präsidenten Frank Underwood spielt, werde 2018 auslaufen, berichteten US-Medien unter Berufung auf eine Netflix-Sprecherin. Zwar hieß es, der Entschluss sei vor Monaten gefallen. Dennoch entstand der Eindruck, Netflix habe direkt auf die Übergriffsvorwürfe reagiert und deshalb bei der eigentlich beliebten und erfolgreichen Serie den Stecker gezogen.

Grund dafür gäbe es: „Es gibt kein Niveau an Trunkenheit oder Verschlossenheit, das einen Übergriff auf ein 14 Jahre altes Kind entschuldigt oder wegdiskutiert“, meinte der Autor Dan Savage.

Kim Richards, Chef des Film- und Musikstudios Allied Artists, stand Spacey hingegen als einer der wenigen zur Seite: Affekthandlungen unter Alkoholeinfluss seien ein Zeichen für „übermäßige Hingabe“, schrieb er. Die Twitter-Gemeinde kritisierte Richards umgehend als „Verteidiger eines Vergewaltigers“, der einen mutmaßlichen Pädophilen in Schutz nehme.

Zugleich weitet sich der Skandal um Harvey Weinstein aus. Der US-amerikanische Filmproduzent wurde wegen der Vorwürfe aus dem US-Verband Producers Guild of America (PGA) ausgeschlossen. Dies gab die über 8000 Mitglieder starke Produzenten-Vereinigung bekannt. Ferner ermittelt die britische Polizei nach übereinstimmenden Medienberichten wegen sexueller Übergriffe auf sieben Frauen gegen ihn. Es soll dabei um Taten gehen, die von den frühen 80er-Jahren bis 2015 stattfanden. Scotland Yard wollte am Dienstag den Namen Weinstein nicht bestätigten, veröffentlichte aber eine Mitteilung, aus der Medien zitierten. Auch die Polizei von Beverly Hills im US-Bundesstaat Kalifornien ermittelt gegen Weinstein.

Ermittlungen seien ebenfalls gegen Regisseur James Toback eingeleitet worden, so die Polizeibehörde. Die Schauspielerinnen Selma Blair und Rachel McAdams zählen zu der wachsenden Zahl von Frauen, die Toback sexuelle Übergriffe vorwerfen. Unterdessen forderte die britische Premierministerin Theresa May wirkungsvollere Maßnahmen gegen sexuelle Übergriffe im Parlament. Sie habe Vertrauen in ihre Regierung, sagte ein Sprecher in London. Zuvor waren Vorwürfe gegen Abgeordnete laut geworden.

Auch Verteidigungsminister Michael Fallon geriet unter Druck, als ein 15 Jahre alter Vorfall bekannt wurde: Er hatte damals bei einem Dinner einer Journalistin wiederholt ans Knie gefasst. Die Frau nahm dies gelassen und twitterte nun: „Meine Knie blieben intakt.“ Nach Angaben des Regierungssprechers wird der Vorfall nicht untersucht. Der Zeitung „Times“ zufolge zirkuliert unter Mitarbeitern der konservativen Fraktion des britischen Unterhauses eine Liste mit fast 40 Abgeordneten, darunter mehrere Regierungsmitglieder, gegen die es Vorwürfe wegen „unangemessenen Verhaltens“ geben soll.

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