Angeblich ist diese ganz erstaunliche Laufbahn nur Zufall gewesen. Karin Dor, 1938 als Kätherose Derr in Wiesbaden geboren, will sich als Schülerin nur etwas Taschengeld verdienen. Also jobbt sie als Komparsin beim Film. Sie fällt dem Regisseur Harald Reinl auf, der sie prompt heiratet. Sie ist da gerade 16, er 45. Nach ihren Aussagen nimmt sie seinen Heiratsantrag noch vor dem ersten Kuss an. In der Folge taucht sie wie in Serie in den großen Erfolgsfilmen der Zeit auf, oft in Produktionen ihres Mannes.
Dor hat Präsenz, sie lernt schnell und sie ist eine auffallend gut aussehende Frau, die sich ein wenig vom Schönheitsideal jener Zeit abhebt. Die dunklen Haare, die leicht exotische Erscheinung und die bemerkenswerte Wandlungsfähigkeit machen Dor zum größten weiblichen Star der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Sie spielt in süßlichen Heimatfilmen, später in Thrillern und dann in „Winnetou“. Gleich vier Mal taucht sie in der legendären Reihe auf. Darunter 1962 im ersten Film, „Der Schatz im Silbersee“, und 1968 im letzten Teil, „Winnetou im Tal des Todes“. Alleine das macht sie zu bundesrepublikanischem Kulturgut. Außerdem ist sie in der Rolle als Häuptlingstochter Ribanna die einzige Squaw, der es gelingt, Winnetous Aufmerksamkeit von reitenden Cowboys abzulenken. Das Ausland wird aufmerksam, 1967 ist sie in „Man lebt nur zweimal“ das erste und bis dato letzte deutsche Bond-Girl und liefert (rothaarig) eine überzeugende Vorstellung. Als Alfred Hitchcock sie anschließend für „Topas“ besetzt, ist es im Grunde zu spät.
Denn die goldenen Jahre der großen Studiofilme neigen sich dem Ende zu. Aber Dor darf immerhin für sich in Anspruch nehmen, die einzige Brünette zu sein, die den Blondinen-Fan Hitchcock bezirzen kann. Sie versorgt ihn mit Rezepten für deutsche Hausmannskost und bezeichnet ihn als besten Regisseur, mit dem sie je gearbeitet hat. Der andere große Regisseur ihres Lebens, Harald Reinl, ist da schon Geschichte.
Dor treibt durch merkwürdigste Filme, dreht mal in Brasilien, mal in Jugoslawien, zähmt den quartalsirren Filmpartner Klaus Kinski und stürzt in eine Krise. Die Siebzigerjahre sind keine Zeit für sie. Private Probleme, eine Medikamentensucht und ein Karrieretief machen ihr zu schaffen. Dor zieht in die USA, kehrt dann aber mit ihrem dritten Ehemann nach München zurück und startet eine erstaunliche späte Karriere. Auf Theaterbühnen zeigt sie, dass sie mehr ist als ein hübsches Gesicht, und mit dem Stück „Man liebt nur dreimal“ feiert sie in Münchens Komödie im Bayerischen Hof Triumphe. Im Jahr 2006 darf sie dann in Margarethe von Trottas ansonsten völlig verkorksten Psychodrama „Ich bin die Andere“ als Alkoholikerin vorführen, was für eine umwerfende Schauspielerin sie sein kann, wenn man ihr entsprechend gute Rollen anbietet.
Im vergangenen Jahr hat Karin Dor einen Unfall in Südtirol; eine Frau mit Kinderwagen rempelt sie an und bringt sie zu Fall. Die Schauspielerin erleidet eine schwere Gehirnerschütterung und hat eine Platzwunde am Kopf. Sie wird sich davon nicht mehr richtig erholen. Die Premiere von „Der dressierte Mann“ im September 2016 in Münchens Komödie spielt Dor trotz Schmerzen; nach dem Schlussapplaus verschwindet sie sofort in ihre Garderobe.
In einem Münchner Pflegeheim ist Karin Dor, einer der wenigen echten internationalen Stars dieses Landes, mit 79 Jahren gestorben. Sie war eine Ausnahmeerscheinung.