Mit „Bigger Than Life“ hat Phil L. Herold eine Biografie über ein Leben verfasst, das es so eigentlich nie hätte geben sollen – zumindest wenn die Ärzte recht behalten hätten. Er war nicht einmal ein Jahr alt, als sie ihm eine spinale Muskelatrophie (SMA) diagnostizierten. Die Lebenserwartung: maximal drei Jahre. Doch Herold trotzte dem vermeintlichen Schicksal. Heute ist er 38, ein international gefragter Künstler und viel rumgekommen. Zusammen mit seinem Freund Wolfram Strachwitz hat er sein außergewöhnliches Leben zu Papier gebracht. Stephan Kuffler las am Dienstagabend im Seehaus im Englischen Garten Auszüge daraus.
Die Krankheit bewirkt, dass Nervenimpulse die Glieder nicht mehr erreichen, eine Lähmung ist die Folge. Doch Herold machte aus der Not eine Tugend: „Einen Daumen kann ich noch bewegen“, sagt er. „Damit male ich.“ Das fasziniert die Leute, die ihm begegnen: „Ich bin jedes Mal beeindruckt davon, wie viel Kraft, Energie, Ehrgeiz und vor allem Lebensfreude in ihm steckt“, sagt Schauspielerin Monika Gruber. Auch mit Steven Tyler, dem Sänger von Aerosmith, ist er per du. Das erste Mal traf er ihn 2007: Im Hof der Frankfurter Villa Kennedy sonnte sich Herold gerade, als Tyler aus einer Limousine stieg. Die beiden kamen ins Gespräch, plauderten über Rockmusik, Gott und die Welt. Dann kam dem Musiker eine Idee: Er packte Herolds Schuhe und schrieb „Walk This Way“, also „Geh’ in diese Richtung“, drauf – nach dem bekannten Song. Die meisten hätten sich wohl über das Autogramm gefreut, Herold nicht. Einerseits passte der Titel nicht so ganz zu seinen Lebensumständen, viel schlimmer aber: Die grünen Sneaker waren gerade erst drei Tage alt. Tyler wollte es wiedergutmachen, indem er Herold zum Konzert am Abend einlud. Doch Herold musste ablehnen, denn er war bereits mit den Rolling Stones verabredet. „Er hat mich dann zu einem anderen Aerosmith-Gig eingeladen“, sagt Herold. „Und er hat mir ein Paar seiner eigenen Schuhe geschenkt.“
Neben Kunst und Musik sind Sneaker Herolds große Leidenschaft. Und seine Sammlung ist riesig: „Ich habe bestimmt 300 Paar“, sagt er stolz. Zu seiner Lesung erscheint er mit weißen Kult-Schuh Air Force 1 von Nike. „Das sind natürlich Originale von 1982“, sagt Herold.
Viele der prominenten Bekanntschaften, die Herold in seinem Leben gemacht hat, sind Fans seiner Kunstwerke. So kam es, dass Herold nach einem Konzert mit Bob Dylan sprach, um ihm ein Gemälde zu schenken. Reflexartig lehnte Dylan ab, weil er schon alles habe, was er sich wünschen könnte. Darum nehme er auch keine Geschenke an. Doch als er genauer hinschaut, bemerkt er, was ihm entgehen würde. Er bietet einen Tausch an. Seitdem besitzt Herold eine von Dylans Mundharmonikas. Auch von anderen Musikern hat er Instrumente erhalten. „Irgendwann mache ich ein Museum auf“, sagt er.
Mit dem lebensbejahenden Buch möchte Herold neben guter Laune auch ein Bewusstsein für die Probleme von Menschen mit SMA schaffen. „So makaber es klingt, jede Krankheit braucht eine Lobby“, sagt er. Und er wünscht sich im Allgemeinen einen unverkrampfteren Umgang mit Behinderten in Deutschland. „In den USA wirst du in Grund und Boden verklagt, wenn Dein Restaurant nicht barrierefrei ist. Das hat sich irgendwie auch in die Köpfe der Leute rein gebrannt.“ Er wolle kein Mitleid, sondern einfach ein Teil der Gesellschaft sein. Herolds Buch ist im Gräfe und Unze Verlag erschienen. 239 Seiten kosten 16,99 Euro.
SEVERIN HEIDRICH