Es war ein falsches Versprechen. Na ja, zumindest klang es gut. „We will rock you“, sang Adam Lambert Sonntagabend (Ortszeit) auf der in Nebel getauchten Bühne des Dolby Theatre Los Angeles. Für diesen kurzen Moment war die Hoffnung noch da. Darauf, dass die Show doch gerettet werden könnte. Ein Abend, der mit einem Queen-Medley beginnt, kann nur Oscar-würdig unterhaltsam werden! Spoiler: Nein, leider nein.
Nach all dem Hickhack im Vorfeld um die Suche nach einem Moderator, um die Idee, „weniger wichtige“ Kategorien in die Werbepausen zu verbannen, rumorte es in Hollywood. Die 91. Verleihung ohne durchs Programm leitenden Gastgeber? Das gab’s bisher erst einmal, 1989. Der Favorit „Rain Man“ gewann damals „nur“ in vier Kategorien. 30 Jahre später fällt das Ergebnis ähnlich aus. „Roma“ war zehnfach nominiert, setzte sich dann mit drei Auszeichnungen durch.
Das spricht für die Vielfalt der nominierten Filme. Und böte Potenzial für ein kunterbuntes Programm. Melissa McCarthy machte mit ihrem Auftritt klar, was möglich gewesen wäre. Sie durfte den Preis für das beste Kostümdesign überreichen. Und tat dies in einer herrlich schrägen Robe, über und über bestickt mit Kuscheltierhäschen. Ja, ist denn heut’ schon Ostern? Nein, eine Hommage ist’s an Giorgos Lanthimos’ außergewöhnliches Historien-Stück „The Favourite“. Olivia Colman spielt darin unnachahmlich die englische Königin Anne (1665-1714).
Den skurrilen Witz des Films beherrscht Colman auch privat. Es ist einer der Überraschungsmomente des ziemlich belanglos vor sich hinplätschernden Abends: Die 45-jährige Britin konkurrierte um den Preis der besten Hauptdarstellerin unter anderem mit Glenn Close. Sieben Mal war die bereits für die Oscars nominiert, diesmal schien ihr Sieg sicher. Hatte sie doch schon den Golden Globe für „Die Frau des Nobelpreisträgers“ in der Glitzertasche. Aber nein: Vorjahressiegerin Frances McDormand verkündet: „Olivia Colman“ – und die ist fassungslos. „Das ist urkomisch!“, ruft sie zwischen Lachen und Weinen. Anders als bei ihren Vorrednern, die mal wieder allzu heftig auf die Tränendrüse drücken und theatralisch um Luft ringen, nimmt man ihr ihre Überraschung ab. „Das war nicht, was ich wollte!“, bittet sie Close um Entschuldigung. Und hofft, dass ihre Kinder daheim zuschauen. Denn: „Das hier wird nicht noch einmal passieren!“
Ihr hätte man gern länger zugehört. Doch die Veranstalter sind rigoros: 90 Sekunden hat jeder Gewinner für die Dankesworte – die Uhr läuft vom Moment der Namensnennung an. Küsschen für die Begleitung und Marsch auf die Bühne inklusive. Noch so ein Versuch der Academy, die im vergangenen Jahr auf vier Stunden ausgeuferte Show künstlich zu verkürzen. Das mag passend sein bei Reden wie der der Make-up-Künstler Greg Cannom, Kate Biscoe und Patricia Dehaney, die für ihre Arbeit bei „Vice“ geehrt wurden – und lauter Namen von Menschen, denen sie danken möchten, herunterstottern. Einem Spike Lee, einem Mahershala Ali oder einer Regina King aber hätte man mehr Zeit für ihre politischen Botschaften gewünscht.
Und dann war da noch die Sache mit Lady Gaga und Bradley Cooper. Seit ihrem Auftritt in „A Star is born“ und all den darauf folgenden Preisverleihungen, Partys und Talkshows diskutiert Hollywood: Läuft da was? „Mit niemand anderem als mit dir hätte ich dieses Lied singen können“, schluchzt die Gaga an Cooper gewandt ins Mikrofon; schmachtende Blicke während ihrer Darbietung von „Shallow“, des „Besten Songs“, anschließendes Kuscheln auf dem Flügel-Bänkchen. Gerade als man die Gerüchteküche wieder brodeln sieht, erscheint das Gesicht von Coopers Freundin im Bild. So gelassen, wie sie schaut, so lässig, wie sie lächelnd Beifall klatscht, wird klar: Entweder sie oder die auf der Bühne sind wirklich gute Schauspieler. Die ganz große Show – sie können sie ja doch noch in Hollywood. Wenigstens für diesen Moment. » KOMMENTAR, SEITE 2