Hannelore Elsner (76) schlüpfte für den zweiten „Kirschblüten“-Film von Doris Dörrie (63) wieder in die Rolle der Trudi, die im ersten Teil stirbt. Jetzt erscheint sie ihrem Sohn Karl (Golo Euler), der sie über alles geliebt hat und es nie geschafft hat, sein eigenes Leben zu leben – er wird von den Dämonen und Geistern der Eltern und der Geschwister eingeholt.
Eine Familiengeschichte, wie sie so oder so ähnlich überall vorkommt – auch in den Familien von Schauspiel-Legende Hannelore Elsner und Regisseurin Doris Dörrie. In einem intensiven Gespräch vor der Film-Premiere geben die beiden außergewöhnlichen Frauen offen Auskunft – über ihre eigenen Familiengeschichten, über die Dreharbeiten und ob sie selbst an Geister und Dämonen glauben.
In der Familie von Rudi und Trudi und ihren Kindern gibt es jede Menge Dämonen – Ängste, Alkohol, Eifersucht, Trauer…
Dörrie: Ja, übrigens wie in jeder Familie. Auch in den glücklichsten. Aber das ist unser Ort, aus dem wir alle kommen. Ich finde das wahnsinnig interessant, denn es gibt nie nur eine klare Familiengeschichte, eine Wahrheit, sondern viele, die sich wie ein Mosaik zusammensetzen. Oder sich auch komplett widersprechen können. Die Eltern können nicht bestimmen, wie die Kinder werden. Elsner: Bei „Kirschblüten – Hanami“, da hat mir ja das Herz wehgetan, wie gemein diese Kinder zu ihren Eltern sind, die eigentlich gutmütig und unbeholfen waren. Dörrie: Aber es hat ihnen auch wehgetan. Es gibt eine Szene, wo die Caro (Birgit Minichmayr, Anm.) so gemein ist zu ihren Eltern – und als sie weg sind, fängt sie sofort an zu heulen. Elsner: Genau! Das ist ganz wichtig, das habe ich erlebt mit meiner Mutter. Obwohl ich sie so geliebt habe und dauernd hinter ihr hergerannt bin. Ich dachte mir immer, warum kann die Freundin von meinem Bruder sich bei ihr unterhaken und so nett sein und ich nicht? Dörrie: Es gibt diese eine Wahrheit zwischen Eltern und Kindern nicht.
Muss ich den ersten Teil kennen, um den zweiten zu verstehen?
Dörrie: Nein, muss man nicht. Es bereichert, aber es ist keine Bedingung. Elsner: In Montreal lief der Film damals, und die Leute heulten Rotz und Wasser und waren so beeindruckt und sagten nur: Dieser Film muss auf der ganzen Welt gezeigt werden. Denn es geht um unser Leben!
Wie sind Sie nach zehn Jahren wieder in die Rolle der Trudi hineingekommen?
Elsner: Es ist nicht so, dass ich immer alle Rollen in mir aufhebe, aber diese natürlich schon, die ist in mir drin, die geht auch nicht mehr raus. Dörrie: Ich muss nur dran denken, wie Hannelore und Elmar an den Drehort kamen – da bekomm’ ich Gänsehaut, wenn ich dran denke – zack (schnippt mit den Fingern) waren da eben Rudi und Trudi wieder in dem Raum. Elsner: Das ist wirklich Magie! Schau mal, Elmar und ich haben ja sonst nicht so viel Verbindung, und es war sofort alles da, wirklich magisch. So wie bei einer Familienaufstellung.
Haben Sie so etwas mal gemacht?
Dörrie: Ich hab’ das viel gemacht, weil ich das als Model „gekapert“ habe für meine Drehbuchstudenten. In der Therapie versucht man, den Konflikt aufzulösen, beim Geschichtenerzählen versuchen wir, einen Konflikt zu erfinden. Der muss richtig fett sein und wehtun. Es ist wie Familienaufstellung rückwärts. Elsner: Doris, ich will mal zu dir in einen Kurs kommen! Dann finde ich heraus, was meine Dämonen sind, indem ich sie beschreibe (lacht).
Was haben Sie aus den Therapien mitgenommen?
Dörrie: Ich habe daraus gelernt, dass in den realen Familienaufstellungen oft die Großväter mit Nazi-Vergangenheit einen riesigen Schatten auf die dritte Generation werfen und die dann starr, schwach und sprachlos gemacht haben. Das ist oft ein riesiges Gewicht.
Auch Dämonen…
Dörrie: Das sind wirklich die Dämonen unserer Vergangenheit, und wenn wir die nicht anschauen und ihnen ins Gesicht blicken, dann bekommen sie auch immer mehr Kraft, was im Film geschildert wird. Elsner: Es kommt sofort so über mich (nachdenklich). Ich denk’ jetzt an meine Großeltern, ich stell’ mir meine Oma vor. Meine wundervolle, kräftige, bayerische Oma. Und ich kenn’ meinen Opa ja nur als mickriges Männchen, das da saß und Flöten geschnitzt und gespielt hatte. Er wurde im Ersten Weltkrieg verwundet und saß auf so einem Klostuhl. Ich habe meine Oma gefragt, warum der Opa immer auf so einem Stuhl sitzt und sie hat gesagt, weil er verwundet ist und ihm immer der Darm rausfällt. Ich habe mich gar nicht getraut, weiter zu fragen. Meine Güte, ich war acht oder neun oder zehn. Hätte ich sie da fragen sollen, Oma, wie war denn dieser Krieg? Ich hatte doch keine Ahnung. Dörrie: Außerdem spürt man als Kind ganz genau, was man besser nicht fragen sollte, um die Eltern oder Großeltern nicht in Bedrängnis zu bringen. Elsner: Und die Oma hat immer nur gesagt, wenn du mal groß bist, erzähl ich dir einiges. Aber sie ist gestorben, als ich 16 war. Also, wann bitte schön, soll man denn fragen als Kind? Erst mit 20 habe ich mich dann für den Holocaust interessiert und mir alles beigebracht. Das hat uns ja auch keiner erzählt.
Glauben Sie an Geister?
Dörrie: An Geister glaube ich nicht. Aber in Japan gibt es eine andere Weltsicht, und die fasziniert mich sehr. Dort sind die Dinge nicht so klar abgegrenzt: Körper und Geist sind nicht so klar getrennt, die feste und bewegliche Materie, alles ist beseelt – Dinge können passieren und keiner wundert sich. Fürs Kino ist das meine Welt, weil dort alles geschehen kann.
Interview: Maria Zsolnay