Wer durch München geht, trifft immer auf Prof. Dr. Hubert Burda (79). Der Kunsthistoriker baute einen weltweit agierenden Medienkonzern auf – mit heute knapp 12 000 Mitarbeitern und 2,67 Milliarden Umsatz und mit Blick über die Stadt im Arabellapark. Er förderte die Wissenschaft, das Jüdische Zentrum, Museen, die Kunst, und er liebt Literatur. Burda ist eng befreundet mit Schriftsteller Peter Handke. Ein Freund war auch Pop-Art-Künstler Andy Warhol, der ihn lehrte, dass Massenmedien und Kunst miteinander vereinbar sind. Und wer die Burda-Zentrale betritt, wird auch als Erstes von Warhols Blick auf München und die Illustrierte „Bunte“ empfangen. Im 7. Stock residiert der Konzernchef, der gern das Unerwartete verbindet und am liebsten vorwärts schaut. Der Weg zu ihm ist wie einer durchs Museum – sogar ein Picasso hängt im Gang. Dr. Hubert Burda empfängt die Kolumnistin mit herzlichem Charme, ansteckendem Lachen und Nahbarkeit, obgleich er zu den mächtigsten Menschen des Landes zählt.
Herr Dr. Burda, was bedeutet Ihnen die Ehrenbürgerwürde?
Es ist der ehrenvollste Preis für mich, denn er hat mit den Bürgern der Stadt zu tun.
Sie haben ja auch viel für die Bürger getan – mit Millionen-Gaben an das Jüdische Zentrum, die Pinakothek der Moderne; Stiftungen und Preise ins Leben gerufen; geholfen, wo Menschen in Not waren, und mit der Hubert Burda Media Holding einen der größten Medienkonzerne mit Sitz in München aufgebaut…
Ich habe das gern gemacht, weil ich gern in dieser Stadt lebe. Es ist ein großes Privileg. Ich kam mit 20 zum Studium nach München und lebe seit fast 60 Jahren hier. Allein der Blick aus dem Fenster auf die Alpen – Vergleichbares gibt es nur noch in Denver mit Blick auf die Rocky Mountains. Und immer noch lebt hier die alte Residenzstadt – mit höfischen Strukturen. Das Haus Wittelsbach übt noch heute eine große Faszination aus, und Herzog Franz gilt als ehrenwerteste Person – noch vor den Regierenden, weil er von seinem Wesen ein durch und durch nobler Mensch ist, während viele der Politiker in den täglichen Kämpfen an Noblesse verlieren. Und dies alles in Verbindung mit einer Ur-Kraft wie dem FC Bayern! Ich liebe es, die Fan-Gesänge in den Wandelhallen des Stadions anzuhören.
Sie singen ja auch selbst für Ihr Leben gern!
So ist es! (Lacht)
Bei Mitarbeiter-Festen in Offenburg singen Sie das Badnerlied und bei Waldfesten am Tegernsee Bayerische Volkslieder – auch dort sind Sie daheim …
Der Tegernsee ist nun auch ein ganz besonderes Juwel – durch den Wallberg und den Glaslhang, wo immer die besten deutschen Skifahrer zusammenkamen. Und dann die Waldfeste im Sommer mit Tanzböden, Goaßlschnalzern, die den Rhythmus vorgeben, und den Jodlern, die habe ich besonders gern. Ich erinnere mich an eine Bergmesse im Freien auf einer Alm – mit den Rehm-Brüdern aus Garmisch, dem Waggi und dem Biwi, begnadete Sänger. Plötzlich fingen sie zu jodeln und zu singen an – ohne Instrumente. Ich habe selbstverständlich auch gleich mitgesungen!
Kannten Sie denn die Melodien und den Text?
Ich kann mir sehr schnell Text merken – dafür danke ich dem Herrgott. Es gibt für mich zwei europäische Regionen, die sich durch Volksmusik auszeichnen – Oberbayern und Neapel. Als ich in Rom studierte, habe ich die Schallplatten von Roberto Murola so lange gehört, bis ich die Texte auswendig konnte. Und als ich später in Italien verlegerisch tätig war, habe ich damit die Italiener beeindruckt – die Pradas und die Tods, den Montezemolo von Ferrari und den Agnelli von Fiat. Sie kannten Frank Sinatra, aber nicht ihre neapolitischen Lieder. (Hubert Burda fängt zu singen an: L’amore è una catena … Die Liebe ist eine Kette, die sich niemals auflöst … Er lacht und fügt an: Und wenn sie sich jemals auflöst, dann sag ich „Buona Notte!“)
Sie kommen aus Offenburg und leben in München und am Tegernsee. Wo ist Heimat für Sie?
Heimat ist da, wo ich unternehmerisch gestalten kann. Das tue ich in Offenburg, da, wo ich herkomme, und in München. Ich wusste immer, dass ich auch in München leben wollte, und 1982 konnte ich mit diesem Teil des Verlags in den Arabellapark ziehen. Diese Idee von Josef Schörghuber, Wohnen und Arbeiten zu verzahnen, war genial. Er war einer der ganz großen Unternehmer der Stadt! Er wollte einen Verlag im Arabellapark haben, weil er wusste, dass dort interessante Menschen verkehren – mit immer neuen Ideen.
Ihr Verlag hat immer neue Ideen – mit über 550 Medienprodukten, gedruckt wie digital – bei Letzterem waren Sie visionär …
Ich wusste damals durch meinen Sohn Felix aus Amerika, 1988, die elektronischen Medien würden einmal alles umschmeißen. 1990 begann die kommerzielle Phase des Internets – ich wusste, das würde die Welt verändern! Die ganze Kultur. Jeder ist heute Sender und Empfänger in einer Person. Jeder kann sofort seine Meinung abgeben – und auch schnell wieder zurückschlagen.
Ihr Sohn Felix starb mit 33 Jahren an Darmkrebs – daraufhin gründeten Sie 2001 mit Christa Maar eine Stiftung, um die Früherkennung von Darmkrebs zu fördern …
Als ich neulich zu einem Check-up in Großhadern war, kam ein junger Assistenzarzt auf mich zu und sagte: ,Sie haben keine Ahnung, wie viele Leben Sie schon gerettet haben, dass Sie dieses Thema in die Öffentlichkeit getragen haben.‘ Das macht mich glücklich, dass ich trotz der persönlichen Tragödie doch noch etwas machen konnte.
Sie haben es in Deutschland als einer der Ersten geschafft, aus dem Digitalen Geschäftsmodelle zu entwickeln …
Das verdanke ich auch dem Focus, der Online ganz weit vorn ist – mit Texten, Bildern und Grafiken! Als Kunstgeschichtler tut man sich vielleicht in dieser Welt der Bilder leichter. Ich war nie ein großer Mathematiker, und ich war in der Schule, was Kommata angeht, schlecht; ich habe bei jedem Aufsatz am Ende einfach zwölf Kommata hingesetzt, zum Verteilen. Das Linkshirnhälftige war nicht so sehr meine Stärke, aber die Bilder, die Fantasie, die Intuition. Und dann war da plötzlich eine Technik, Bilder in Nanosekunden um die Welt schicken zu können. Das hat mich nicht mehr in Ruhe gelassen. Aber auch das Gedruckte wird es immer geben, wenn es richtig gemacht wird – zur Orientierung und Einordnung ist es unverzichtbar und gewinnt sogar auch wieder an Stärke.
Wo liegen die Probleme?
Das Größte ist, wenn du dich zu weit entfernst vom Volk. Ich gehe zum Beispiel immer eine Viertelstunde früher an den Flughafen und schaue, was die Leute lesen, wie schnell sie welche Geschichte umblättern. Die größte Gefahr im Journalismus ist, dass man nur etwas für die Kollegen, für die Branche, macht. Ich lese sehr viele unserer Zeitschriften und dann gibt’s schon mal Zettel von mir: „Glauben Sie, dass das irgendjemanden interessiert?“ (Lacht). Oder „Wo waren Sie da mit Ihren Gedanken?“
Sie haben mit Dr. Paul-Bernhard Kallen einen Vorstandschef, der das operative Geschäft im Auge hat. Und Sie gehen im Haus rum und stellen Fragen …
Immer. Auch im Fahrstuhl. Management by walking. Mindestens einmal im Monat nehme ich mir eine Redaktion oder Internetfirma vor – und setz mich da rein, da gibt’s dann keine großen Höflichkeiten …
Was ist Ihnen da zuletzt aufgefallen?
Bei den Monatstiteln fehlt manchmal die heiße Nadel – sie werden über viele Wochen geplant und bearbeitet. Ich sag immer: Journalismus ist Literatur in Eile. Was um zehn gedacht wird, muss um zwölf gemacht werden, um vier im Blatt sein und um sechs drucken. Die Schnelligkeit ist ganz wichtig.
Wann übernehmen Ihre beiden Kinder Jacob (29) und Elisabeth (27), denen bereits 75 Prozent der Anteile an Hubert Burda Media gehören?
Sie hoffen, dass ich noch lange gesund bleibe. Jacob ist promoviert in Philosophie, hat in Kalifornien einen Lehrauftrag und ist viel im Silicon Valley unterwegs. Lisa hat in Kunstgeschichte promoviert und Musik studiert, sie lebt inzwischen in Berlin, komponiert und tritt auf. Aber beide sind voll motiviert, in den Verlag einzusteigen.
Welchen Rat haben Sie Ihren Kindern mitgegeben?
Dass sie den Verlag nicht besitzen. Sie haben wie ich etwas ererbt, das sie vermehrend weiterzugeben haben. Es ist nur ein Pfand. Darin liegt viel Verantwortung.
Was lesen Sie gerade?
Jeden Morgen vier, fünf Seiten Nachsommer von Adalbert Stifter. Das beruhigt mich und ordnet mein Leben.
Das Interview führte Ulrike Schmidt.