Zu Besuch, wo Bernd Eichingers genialer Kopf, sein Herz und seine Seele ihren Fixpunkt hatten – in der Zentrale der Constantin-Film, wo er bis 2001 Vorstandsvorsitzender war, um sich dann nur noch aufs Filmemachen und Drehbuchschreiben zu verlegen. Schon im Treppenhaus lächelt Bernd Eichinger dem Besucher entgegen– schwarzweiß. Kolumnistin Ulrike Schmidt hat Constantin-Boss Martin Moszkowicz (60) getroffen, der am besten einschätzen kann, wie groß die Lücke ist, die Bernd Eichinger hinterlassen hat.
Herr Moszkowicz, wie oft denken Sie noch an den Abend zurück, wo Sie mit am Tisch saßen, als Bernd Eichinger starb?
Ach, leider wahrscheinlich viel zu oft! Das war schon eines meiner grauslichsten Erlebnisse, die ich hatte – so aus heiterem Himmel, so unmittelbar. Ich saß ihm gegenüber. Ihn plötzlich vor meinen Augen sterben zu sehen – das war furchtbar. Und noch schlimmer für seine Tochter Nina und seine Frau Katja. Das Bild werde ich nie in meinem Leben vergessen. Ich war erst kürzlich zum ersten Mal seit damals wieder in diesem Lokal, das ganz in der Nähe unseres Büros ist. Das war ein ganz seltsames Gefühl.
Wie präsent ist Bernd Eichinger noch bei der Constantin Film?
Bei uns ist er extrem präsent! Wenn ich vor schwierigen Aufgaben oder Entscheidungen stehe, denke ich oft: Was hätte Bernd gemacht? Diese Präsenz ist auch wichtig für uns, sein Spirit ist noch da, und den halten wir auch hoch!
Welchen typischen Satz von Bernd haben Sie noch im Ohr?
„Die Kugel ist aus dem Lauf!“ Wenn der Film fertig und die Premiere ist, dann kann man nichts mehr machen. Und das sagte er immer an so einem Premierenabend. Er sagte auch: „Film ist Krieg.“ Da bin ich nicht ganz seiner Meinung. Doch wenn man Film mit so viel Leidenschaft und Inbrunst wie Bernd macht, dann nimmt einen das sieben Tage die Woche, 24 Stunden, in Anspruch. Das ist wie ein fahrender Zug. Bernd war extrem fordernd zu sich und seinen Mitarbeitern.
Wie groß ist die Lücke, die Bernd hinterlassen hat?
So eine Figur wie er ist einzigartig – nicht nur in Deutschland, auch international, eine einzigartige Unternehmer- und Produzentenpersönlichkeit! Das Loch, das sich da für die Branche aufgetan hat, kann keiner einfach zukleistern. Als Constantin Film haben wir versucht, das zu erhalten, was ihm besonders wichtig war: Dass wir unser Schicksal in der eigenen Hand halten, dass wir unabhängig bleiben. Bernd hat die Firma mit Klauen und Zähnen verteidigt, gegen alle Einflüsse, und das hat er sehr geschickt gemacht. Nach seinem Tod haben wir die Verantwortung auf viele Schultern verteilt. Als ich 1991 bei der Constantin angefangen habe, gab es einen Produzenten, das war Bernd. Heute arbeiten weltweit 55 Produzenten für uns.
Was machte Bernd Eichinger so einzigartig?
Das, was er verkörpert hat – die Mischung aus Rock ’n’ Roll und Genialität, gepaart mit einem sehr guten Geschäftssinn, das habe ich bein iemandem sonst je erlebt.
Was muss ein guter Filmproduzent können?
Alles! Der Produzent ist das Bindeglied zwischen allen am Film Beteiligten, er ist derjenige, der alle führt. Er braucht kreative, finanztechnische, unternehmerische, administrative und organisatorische Fähigkeiten, er muss ein Allroundtalent sein. Was Bernd von vielen anderen unterschieden hat: Wenn er ein Projekt hatte, hat er sich voll und ganz nur darauf konzentriert – vom ersten Satz im Drehbuch, den er oft selbst geschrieben hat, bis zur Kinopremiere. Das war eine Leidenschaft, die einzigartig war.
Er hat ja auch oft sein ganzes Vermögen aufs Spiel gesetzt, wenn es um die Constantin oder einen Film ging …
Ja, der Constantin Film ging es oft nicht gut. Doch wenn Bernd einen Glauben an irgendetwas hatte, hat er sich zu 100 Prozent reingeschmissen und ist jedes Risiko eingegangen. Er hat auch ein paar Mal daneben gegriffen, aber im Prinzip hat er auf diese Weise seine ganz großen Erfolge gemacht. Und er stand – was heute sehr, sehr unüblich ist – als Produzent jeden Tag von früh bis spät am Drehort.
Interview: Ulrike Schmidt