Wäre alles optimal gelaufen, würde seine Dienstanschrift noch immer „Spreeweg 1, 10557 Berlin“ lauten. Er würde zu Staatsbesuchen ins Ausland reisen, Botschafter empfangen, Verdienstorden aushändigen, Reden halten. Und vielleicht würde er schon mal erste Gedanken darauf verwenden, was er nach dem Ende seiner Amtszeit Mitte kommenden Jahres machen könnte. Wie gesagt, wenn es optimal gelaufen wäre.
Doch bei Christian Wulff lief es nicht optimal. Seine Amtszeit als Bundespräsident endete bereits nach 598 Tagen im Februar 2012 mit einem Rücktritt. Statt im Schloss Bellevue empfängt er Besucher heute in einem nüchternen Bürogebäude des Bundestags, das aber immerhin am Boulevard Unter den Linden liegt.
So jung wie er wurde zuvor niemand Bundespräsident, so schnell wie er wurde niemand wieder aus dem Amt katapultiert – der Mann hätte also Grund, verbittert zu sein. Doch wie er da in seinem Büro sitzt und anlässlich seines 60. Geburtstags, den er morgen feiert, über sein Leben spricht, vermittelt Wulff einen gelassenen Eindruck. „Ich bin ein zufriedener Mensch“, sagt er. Zufrieden, weil er dankbar sei für das, was er für seine Heimatstadt Osnabrück, das Land Niedersachsen und die Bundesrepublik leisten durfte.
Rückblick: Am 17. Februar 2012 spricht Wulff im Schloss Bellevue die schwierigsten Sätze seiner bis dahin so erfolgreichen Laufbahn: Deutschland brauche einen uneingeschränkt handlungsfähigen und vom breiten Vertrauen der Bürger getragenen Präsidenten. Dies sei bei ihm aber nachhaltig beeinträchtigt. Er könne seine Aufgabe nicht mehr im erforderlichen Maß wahrnehmen. „Ich trete deshalb heute vom Amt des Bundespräsidenten zurück, um den Weg zügig für die Nachfolge freizumachen.“ Alles fing Wochen zuvor mit einem Bericht der „Bild“-Zeitung über einen günstigen Kredit über 500 000 Euro zum Kauf eines Hauses durch eine befreundete Unternehmergattin an. Als die Staatswaltschaft Hannover die Aufhebung seiner Immunität beantragt, tritt Wulff am Tag darauf zurück. Am Ende steht 2014 ein Freispruch erster Klasse vor dem Landgericht Hannover. Bundespräsident ist da längst Joachim Gauck.
Heute hält Wulff wieder Reden, trifft sich mit Botschaftern, pflegt internationale Kontakte – fast so, als wäre er weiter Staatsoberhaupt. Auch die Bundesrepublik vertritt er noch hin und wieder, etwa im Mai bei der Amtseinführung des neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. „Man ist viel freier, ist nicht ans Protokoll gebunden“, beschreibt er die Vorzüge seines heutigen Tuns.
Dazu gehören auch Ämter wie der Vorsitz der Deutschlandstiftung Integration. „Am meisten bewegt mich, wie sich der Zusammenhalt in der Gesellschaft sichern lässt“, sagt der CDU-Politiker, der von 2003 bis 2010 niedersächsischer Ministerpräsident war. „Das ist mein großes Thema.“
Morgen also wird er 60, was er nach eigenem Bekunden nicht besonders feiernswert findet. Mit seinen Kindern und Freunden will er den Tag verbringen. Der Name seiner Noch-Ehefrau Bettina fällt im Gespräch an diesem Tag nicht. Beide trennten sich erst, fanden wieder zusammen und gehen nun doch wieder getrennte Wege. Noch ein potenzieller Grund für Bitterkeit – doch Christian Wulff sagt über sich: „Ich führe ein glückliches Leben.“