„Angst ist meine Triebfeder“

von Redaktion

Judi Dench über ihren neuen Film, ihre Motivation und den Ruhestand

Sie hat James Bond gezeigt, wo es langgeht: In acht Filmen spielte Judi Dench M, die Chefin von Geheimagent 007. Berühmt wurde sie durch ihre oscargekrönte Verkörperung von Königin Elizabeth I. in „Shakespeare in Love“. Ab Donnerstag ist die 84-jährige Schauspiel-Queen als Spionin in „Geheimnis eines Lebens“ im Kino zu sehen. Gut gelaunt, mit weißem Bubikopf und ebenso weißem Wallegewand begrüßt uns die 1,55 Meter kleine Grande Dame des Kinos zum Interview beim Zurich Film Festival. Weil sie nicht mehr gut sieht, hält sie eine Packung Pfefferminzbonbons auf dem Tisch für ein Aufnahmegerät – und bricht deshalb in schallendes, heiseres, herzliches Gelächter aus.

War Ihre unverwechselbare raue Stimme eher ein Fluch oder ein Segen?

Es gab sicher Leute, die meinten: „Die Frau können wir nicht engagieren – die klingt ja, als habe sie die Nacht durchgesoffen und würde überhaupt ein liederliches Lotterleben führen!“ Als ich 1968 die Hauptrolle im Musical „Cabaret“ spielte, sagten fremde Besucher nach der Aufführung zu mir: „Es war toll, und wir kommen gerne noch mal, wenn Ihre Erkältung abgeklungen ist!“ Schließlich hängte das Theater einen Zettel ins Foyer, auf dem stand: „Judi Dench ist nicht erkältet, sie klingt immer so.“

Für Ihren nur sieben- minütigen Auftritt als Königin in „Shakespeare in Love“ haben Sie den Oscar gewonnen. War das für Sie bloß eine Rolle unter vielen?

Nein, ich habe wunderbare Erinnerungen an den Film. Drei Leute waren nötig, um mich anzuziehen, weil mein prunkvolles Kostüm so unglaublich schwer war. In dieser steifen, starren Robe konnte ich mich fast nicht bewegen, sodass man mich in der Mittagspause vorsichtig mit einem Löffel füttern musste. Während der Dreharbeiten habe ich mich tatsächlich wie eine Königin gefühlt: Alle mussten mich bedienen!

Wie kamen Sie zu Ihrer Rolle als James Bonds Chefin M?

Bis heute habe ich nicht verstanden, warum sie mich gefragt haben. Aber ich fand es eine fabelhafte Idee, M mit einer Frau zu besetzen. Zunächst habe ich gezögert, das Angebot anzunehmen, doch mein Mann hat mich schließlich überredet. Er wollte wohl damit angeben, mit einem Bond-Girl zusammenzuleben.

Haben Sie je die echten Büros des britischen Geheimdienstes gesehen?

Ja, weil ich einmal in die MI6-Zentrale zum Mittagessen eingeladen wurde. Ich sagte am Telefon: „Dann komme ich also um halb eins zu Ihnen.“ Sie meinten: „Nein, wir holen Sie ab, denn Sie wissen ja gar nicht, wo wir sind.“ Ich sagte: „Das weiß doch jedes Kind – ihr sitzt in dem Gebäude direkt an der Themse, das so aussieht, als bestünde es aus Legosteinen!“ Aber sie machten ein Riesengeheimnis daraus und bestanden darauf, einen eigenen Wagen zu mir nach Hause zu schicken. Die Ironie an der Geschichte: Letztlich kam ich dann 45 Minuten zu spät zu dem Essen, weil der Geheimdienstfahrer ewig mein Haus nicht finden konnte!

In Ihrem neuen Film „Geheimnis eines Lebens“ wechseln Sie quasi die Seiten und werden vom britischen Geheimdienst ins Kreuzverhör genommen.

Ja, das fand ich auch sehr reizvoll – ebenso wie die Tatsache, dass ich eine starke Frau in einer Männerdomäne spiele: eine kluge Wissenschaftlerin, die es für wichtig hält, das Gleichgewicht der Kräfte zwischen den Weltmächten in Ost und West zu wahren. Für ihren Mut und ihre Weitsicht habe ich sie sehr bewundert.

Vor gut zehn Jahren haben Sie erzählt, Sie würden sich eigentlich noch immer wie ein Teenie fühlen…

So geht es mir tatsächlich auch heute noch. Es ärgert mich, wenn meine Freunde scherzhaft meinen: „Sieh uns nur an, uns alte Knacker!“ Dann antworte ich: „Sag so etwas nicht, sonst wird es am Ende noch wahr!“ Ich mag partout nicht in eine Schublade gesteckt werden, auf der „Achtzigjährige“ steht. Ich finde, ich gehöre eher ins Team der nicht mehr ganz taufrischen Teenager. Jedenfalls fühle ich mich meinem Enkel deutlich näher als dem Bild einer alten Frau.

Haben Sie noch keine Altersschrullen entwickelt?

Doch, eines muss ich zugeben: Mittlerweile bin ich ganz versessen auf korrekte Grammatik. Immer öfter ertappe ich mich dabei, andere Leute zu korrigieren. Meine Familie und meine Freunde reagieren darauf zunehmend genervt. Sogar Fehler in einer SMS bringen mich auf die Palme. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass der Sprachkünstler Shakespeare stets meine große Leidenschaft war.

Was treibt Sie heute noch zur Arbeit an?

Angst ist meine größte Triebfeder. Sie generiert eine riesige Energie. Wenn ich vor einem Auftritt keine Angst mehr spüren würde, müsste ich um die Qualität meiner Arbeit fürchten. Vor jeder meiner Theaterpremieren habe ich geweint, weil ich Angst hatte, es würde schiefgehen. Ich dachte immer: Danach wird mich kein Mensch mehr engagieren.

Sie drehen aber rund drei Filme pro Jahr.

Ja, weil ich zu den meisten Angeboten einfach nicht Nein sagen kann: Erstens fühle ich mich geehrt, dass man mich fragt, und zweitens habe ich Angst davor, dass man mich nicht mehr fragt. Deshalb lehne ich Filmprojekte nur ab, wenn sie mir keine Aussicht auf etwas Neues bieten. Oft bekommt man ja im Anschluss an einen Film wieder eine ganz ähnliche Rolle angeboten – und das ist wirklich das Letzte, was ich mir wünschen würde. Ich möchte für jeden Film wieder bei null beginnen. Mein Traum wäre es, mal eine afghanische Frau zu spielen, die als Seiltänzerin arbeitet und sich schließlich in einen Drachen verwandelt.

Denken Sie nie daran, sich zurückzuziehen?

Nein, Gott bewahre! Wozu auch? Ich weiß, viele Leute treten in den Ruhestand, um endlich Zeit für die Dinge zu haben, die sie schon lange tun wollten – lesen, malen, wandern. Aber von allen Dingen auf der Welt macht mir die Schauspielerei am meisten Spaß. Mein Beruf ist mein Hobby! Ich wüsste gar nicht, was ich tun sollte, wenn ich in Rente gehen müsste. Nein, ich möchte arbeiten, bis ich tot umfalle!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

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