Greta im Land der unbegrenzten Emissionen

von Redaktion

Neue Phase ihres Klimakampfs – In den USA ist die schwedische Aktivistin weniger bekannt als in Europa

Für Millionen Menschen wartete hinter der Meerenge zwischen Brooklyn und Staten Island ein anderes Leben. Migranten und Flüchtlinge auf Schiffen aus Europa, die ihr Glück in der Neuen Welt suchten. Nach zwei Wochen auf dem Atlantik ist die schwedische Aktivistin Greta Thunberg in New York angekommen. Sie steht winkend auf dem Boot, im Jachthafen empfangen von den Klimaparolen junger Aktivisten. So wie ihre historischen Vorgänger startet auch Thunberg hier in New York in eine neue Phase ihres Leben. In Amerika will sie den weltweiten Klimakampf auf eine neue Stufe heben. Ein Jahr Proteste und UN-Klimagipfel statt Schule – und die Ungewissheit, wie viel Gehör sich die Schwedin im Land der fast unbegrenzten CO2-Emissionen verschaffen kann.

„Es ist verrückt, dass eine 16-Jährige den Atlantischen Ozean überqueren muss, um ihre Meinung zu vertreten“, sagt Thunberg vor einer kleinen Menge Anhänger und Schaulustiger, nachdem sie vom Segelboot des norddeutschen Kapitäns Boris Herrmann gestiegen ist. Unter Jubel sagte sie: „All das hier ist sehr überwältigend. Der Boden wackelt noch.“ Ein paar Hundert sind gekommen, darunter auch viele Medienvertreter vor allem aus Europa. Thunberg wirkt – wie immer – zurückhaltend, aber auch müde und mitunter ein wenig überfordert.

„Natürlich würde ich mir wünschen, dass sich nicht immer alles um mich dreht“, sagt sie, und in ihrem Rücken wacht die Freiheitsstatue unter einer dichten Wolkenschicht, aus der es immer wieder nieselt. „Aber wenn das, was ich mache, einen Unterschied bedeutet, will ich davon Gebrauch machen.“ Auch alleine könne man etwas bewirken, wenn man sich nur genug anstrenge.

Was die Kraft eines einzelnen Mädchens ausrichten kann, weiß Thunberg wohl so gut wie kaum jemand sonst. Mittlerweile ist sie das Gesicht einer weltweiten Bewegung und für viele auch das schlechte Gewissen auf zwei Beinen. Die Ideale der Veganerin und Flugverweigerin imponieren vielen und treiben andere auf die Palme.

In Europa hat Thunberg viele Menschen wachgerüttelt, Debatten angefacht und die Jugend animiert, ihrem Beispiel zum Protest für einen beherzteren Kampf gegen die Klimakrise zu folgen. Wer in den USA nach ihr fragt, erntet häufig fragende Blicke. Ein New Yorker, der sein Feierabendbier trinkt, antwortet: „Ich habe Tweets gesehen. Macht sie nicht einen Hungerstreik oder so?“

Nicht nur in Sachen Bekanntheit gibt es für Thunberg einiges zu tun: Einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Pew zufolge findet weniger als die Hälfte der US-Bürger, dass der globale Klimawandel politische Priorität haben sollte. Staatsoberhaupt und Kohle-Freund Donald Trump kündigte das Klimaabkommen von Paris auf. Die Vereinigten Staaten liegen weltweit beim Treibhausgas-Ausstoß auf Platz zwei hinter China (Stand 2015), pro Kopf emittiert jeder US-Bürger rechnerisch aber deutlich mehr als ein Chinese. Greta Thunberg traf bereits den Papst und den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Ihre Botschaft an den Präsidenten heute im New Yorker Jachthafen: „Hör auf die Wissenschaft“. Wenn die Trump nicht überzeuge, könne auch die 16-Jährige nicht helfen. Stattdessen will sie in New York an mehreren großen Klimaprotesten teilnehmen. Vor allem aber stehen im September zwei UN-Klimakonferenzen in New York an: ein „Jugend-Gipfel“ und die große Klimakonferenz mit Staats- und Regierungschefs.

UN-Generalsekretär António Guterres lässt ausrichten, dass er sich schon auf ein Treffen mit Thunberg freue. Vermutlich auch, weil er die Schwedin als jugendliches Zugpferd braucht, schließlich sollen auf seinem Gipfel die Weichen für die Weltklimakonferenz in Chile im Dezember gestellt werden. Auch hier will Thunberg dabei sein.

Nach den Strapazen der Atlantik-Überquerung soll es für die 16-Jährige ein paar Tage lang etwas ruhiger zugehen. Sie wolle sich vernünftig waschen, sagt sie, frische Früchte essen und mal nichts tun. Doch so ganz stimmt das nicht. Denn schon heute will sie am Schulstreik vor den Vereinten Nationen teilnehmen – das ist ihr erster in der Neuen Welt.

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