Scheinriesen und Scheinwiesn

von Redaktion

JOHANNES LÖHR

Erinnern Sie sich an den Scheinriesen Turtur aus Michael Endes Kinderbuch „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“? Dieser arme Tropf – ein pazifistischer Oasenbewohner, Vegetarier und Teetrinker – hat keine Freunde, weil alle vor ihm davonrennen. Denn er hat die unangenehme Eigenschaft, dass er riesenhaft wirkt, wenn er weit weg ist, und nur in unmittelbarer Nähe normalgroß. Aber so nah will ihm aus lauter Angst keiner kommen.

Ich wollte als Kind immer gerne nach München kommen. Aber immer wenn wir auf der Garmischer Autobahn die Stadt erreichten, hatte ich ein Scheinriesen-Erlebnis.

Ab der Kurve bei Schloss Fürstenried erblickt man am Ende der Sichtachse, die die Autobahn bildet, die Frauentürme. Voll Vorfreude fuhr man auf dieses majestätische Ausrufezeichen zu, lauschte seinem Vater, der erzählte, dass die Einfallstraßen in die Residenzstadt früher immer so gebaut wurden, dass man den Dom sieht. Und dann – kam man am Luise-Kiesselbach-Platz an und dachte: Hhhmm, von weiter weg sah das irgendwie imposanter aus. Zwei Zwiebeltürme waren schon da, aber recht mickrig waren sie. Mein Vater erklärte dann, das sei gar nicht die Frauenkirche – die war längst hinter Sendling verschwunden. Sondern das Altenheim St. Josef. Als Kind empörte mich das: Mussten die das genau dorthin bauen und München-Besucher damit verwirren?

Was soll man sagen: Die Stadt lernt nicht aus ihren historischen Fehlern. Wieder baut man an die unmöglichsten Stellen Kopien großer Wahrzeichen und stiftet Verwirrung. Am Sonntag musste ich wieder dran denken. Übertragung des Oktoberfest-Trachtenumzugs im Bayerischen Fernsehen. Gerade waren die Bichler Gebirgsschützen schneidig durchs Bild marschiert, da schwang sich die Kamera auf zu einem olympischen Blick übers östliche München: zeigte das Maximilianeum, nach kurzem Schwenk die Lukaskirche – und da hinten im Werksviertel ragte das neue Riesenrad hinter dem Ostbahnhof hervor. Eine Gemeinheit: Denn beide Moderatoren – kunsthistorisch immens beschlagene Kenner, nur womöglich keine Münchner – jubilierten: „Und da sieht man schon das Oktoberfest. Das Riesenrad!“ Nein, es war nur eine Scheinwiesn.

Ich möchte die Stadtplaner inständig bitten, sich im neuen Viertel Freiham eine Siegestor-Kopie zu verkneifen. Und sollte die Städtebauliche Entwicklungsmaßnahme im Nordosten dereinst in ein neues Stadtquartier münden, so sei gesagt: Einen Bolzplatz, dessen Einhausung aussieht wie ein Autoreifen, gibt’s gleich in der Nähe. Überlegt euch was anderes – die Auswärtigen werden es euch danken!

Sie erreichen den Autor unter Johannes.Loehr@ovb.net.

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