„Ich kämpfe, solange ich lebe“

von Redaktion

Interview mit der Primaten-Forscherin Jane Goodall über Tierschutz und Natur-Tourismus

Die Zeit wird knapp! 300 Tage im Jahr reist die große Schimpansen-Forscherin Jane Goodall (85) rund um den Globus, um die Menschheit daran zu erinnern, dass sie mehr tun muss, um ihre engsten Verwandten in der Tierwelt zu retten. Was jeder von uns ganz konkret zum Schutz der Menschenaffen beitragen kann, hat sie unserem Reporter Klaus Rimpel anlässlich ihres Besuchs in München erzählt und wirkt kämpferischer als je zuvor.

Es gibt so viele Rückschritte im Kampf für die Umwelt und speziell für die Menschenaffen. Macht Sie das nicht manchmal müde?

Tatsächlich gibt es Zeiten, wo alles sehr düster wirkt, wenn ich etwa an die Palmöl-Plantagen in Asien denke, für die die Regenwälder und damit der Lebensraum der Orang- Utans zerstört wird. Oder wenn ich an die Bauxit-Minen in Guinea denke, die nicht nur die Schimpansen bedrohen, sondern auch die Gesundheit der dortigen Bevölkerung. All das macht mich wütend, aber es stachelt mich auch an, noch härter zu arbeiten.

Was machen Sie dann?

Die lokale Bevölkerung in Afrika oder Asien richtet in ihrem verzweifelten Bemühen, zu überleben, Umweltschäden an, etwa weil die Bevölkerung so schnell wächst und sie immer mehr Farmland braucht. Als ich erkannte, wie schnell die Schimpansen in Gombe durch diese Entwicklung ihren Lebensraum verlieren, haben wir im Jane-Goodall-Institut das Program Takare (von take care, kümmert euch) gestartet, mit dem den Dorfbewohnern Wege aufgezeigt werden, wie die Menschen ihren Lebensunterhalt meistern können, ohne die Umwelt zu zerstören. So wurde die Bevölkerung unser Partner beim Umweltschutz. Wenn große Konzerne gierig die Natur ausbeuten, um ihren Profit zu maximieren, versuche ich, ihnen deutlich zu machen, welche enormen Auswirkungen ihr Tun hat. Man braucht in jedem Fall eine andere Taktik. Aber so lange ich lebe, werde ich niemals aufgeben.

In Ruanda hat der Öko-Tourismus geholfen, um die letzten Berggorillas besser zu schützen. Bietet das auch eine Chance für Schimpansen, Bonobos oder Orang-Utans?

Wenn der Tourismus sorgfältig kontrolliert wird, wie es in Ruanda der Fall ist, dann kann er sehr vorteilhaft für den Artenschutz sein. Es bringt den Ländern Geld, schafft Jobs für die lokale Bevölkerung, schreckt Wilderer ab. Und für die Touristen ist es ein unvergessliches Erlebnis, das oft den tiefen Wunsch auslöst, diesen wunderbaren Tieren zu helfen. Unglücklicherweise wird Tourismus oft aber auch als reine Gelddruck-Maschine gesehen.

Wie sieht ein gelungener Schimpansen-Tourismus aus?

Die Besuchergruppen sollten auf maximal sechs Personen beschränkt werden, und die Touristen dürfen nicht länger als eine Stunde beobachten. Weil Menschenaffen uns so ähnlich sind, können sie sich alle Infektionskrankheiten einfangen, deshalb müssen die Besucher unbedingt Schutzmasken tragen, wenn sie sich ihnen nähern.

Welche Gefahren hat Natur-Tourismus für die Tiere?

Neben der Ansteckungsgefahr für die Menschenaffen gibt es immer wieder Fälle, wo für ein gutes Foto die Tiere gefährdet werden. Mir wurden Fälle erzählt, wo Gnu-Babys durch die Touristenautos Anschluss an ihre Mutter verloren haben und Opfer von Raubtieren wurden. Ein Tourist erzählte mir, dass sein Fahrer ihm zeigen wollte, wie ein Löwe jagt. Er war entsetzt, als er sah, dass 23 Autos mit Touristen diesen Löwen umkreist hatten.

Was können Touristen beim direkten Kontakt mit Menschenaffen lernen?

Sie werden fasziniert davon sein, wie komplex ihr Verhalten und ihr Sozialleben ist! Schimpansen werden in der Wildnis bis zu 60 Jahre alt – so können Touristen beobachten, wie eine Oma mit ihren Enkeln umgeht. Und sie können das angeberische Gehabe von Männchen beobachten, die um Dominanz wetteifern – genau wie so manch ein männlicher Politiker.

Wegen des Klimawandels wird viel darüber diskutiert, ob wir überhaupt noch fliegen sollten. Sollten wir also besser alle daheim bleiben – oder ist es wichtig, die Natur in Afrika oder Asien zu erleben, um die Verletzlichkeit der Natur besser zu verstehen?

Das ist wirklich eine schwierige Frage. Wenn jemand fliegt, sollte er sein Bestmögliches tun, das durch ein möglichst umweltverträgliches Leben auszugleichen. Wir haben gerade das Drei-Milliarden-Bäume-Programm beim Weltwirtschaftsforum in Davos gestartet. Wenn ein Tourist fliegt, kann er seinen CO2-Fußabdruck verringern, indem er Bäume pflanzt, die CO2 aufnehmen – oder, noch wichtiger, indem er Organisationen unterstützt, die den schon bestehenden Regenwald unterstützen.

Interview und Übersetzung: Klaus Rimpel

Mehr zu Jane Goodalls Aktivitäten finden Sie auf der Internetseite www.janegoodall.de

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