Theater

Sakrale Bühne für Ben Becker und seinen Judas

von Redaktion

Schauspieler spielt in der Klosterkirche Raitenhaslach mit Texten von Oz und Jens die Rechtfertigung des Verräters

Es ist eine eigenartige Bühne für den, der die vielleicht schändlichste Rolle in der Geschichte des Christentums gespielt hat: Der barocke Altarraum der Klosterkirche in Raitenhaslach steht Judas zur Verfügung. Der Tabernakel ist offen, das Allerheiligste ausgeräumt. Nur das ewige Licht brennt, als wäre es ein Symbol für die Unvergänglichkeit des Verrats.

Die Kirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt, Thema und Akteur haben Publikum nicht nur aus den Landkreisen Mühldorf und Altötting angezogen. Den großen Altarraum füllt Schauspieler Ben Becker, der seit Jahren dem Judas Stimme und Gestalt verleiht. „Ich, Judas“, nennt er das, was die ganze Tiefe der tragischen Beziehung zweier Männer ausloten, die seelischen Mechanismen des Verrats offenlegen und ihm Genugtuung im Jahrtausende alten Heilsdrama verschaffen soll.

Becker bedient sich dazu zweier Texte, dazwischen verstärkt Organist Jakub Sawicki mit Bach-Werken und Improvisationen den sakralen Charakter des Abends. Den ersten Text, einen Auszug aus Amos Oz „Judas“, liest er vom Ambo aus, dem zentralen Ort der Verkündigung von Gottes Wort. Schon da wird klar, dass Becker die beiden Texte des Abends nutzen wird, um sich Judas vor allem emotional zu nähern, der intellektuellen Auseinandersetzung das große Gefühl an die Seite zu stellen. Becker leidet förmlich mit dem Mann, der am Vorabend seines Selbstmords über die vergangenen Stunden nachdenkt, der sich bei Oz selbst unter das Kreuz gestellt hat in unmittelbare Nähe des sterbenden Christus. Er nimmt die blumige Sprache des israelischen Autors – allerdings ohne der Komplexität des Romans mit dem kurzen Textauszug auch nur annähernd gerecht zu werden – und überhöht sie mit pathetischen Gesten.

Um „Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot“ von Walter Jens in Szene zu setzen, bemächtigt sich Becker schließlich des gesamten Altarraums. Er füllt ihn mit seinem gewaltigen Bass, der ob der durchgehenden großen Lautstärke allerdings im Lauf des Abends an Eindrücklichkeit verliert, ein Gewöhnungseffekt eben, keine Steigerung möglich. „Ohne Judas kein Kreuz. Ohne Kreuz keine Kirche. Ohne Kirche keine Überlieferung“, ist die zentrale Botschaft von Jens, die hochdramatisiert durch den Kirchenraum hallt. Dieser Judas hält sich nicht für den Verräter, er versteht sich vielmehr als Teil des göttlichen Heilsplans, auf einer Stufe mit Christus, als zweiten Messias, der als Verräter die vielleicht sogar schwierige Rolle im göttlichen Theater übernommen hat.

Die hat sich auch Becker zugemutet, der den hoch komplizierten Monolog weitgehend frei spricht, an manchen Stellen zu theatralisch, als dass die im Titel angekündigte Verschmelzung zwischen ihm und Judas glaubhaft würde. Becker bietet einen eindrucksvollen, leidenschaftlichen, aber auch routinierten Auftritt, dem das große Glanzlicht fehlt.

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